Regner

027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 3,3 (2015): Innovation, S. 84-87.

DOI: 10.12685/027.7-3-3-69

ISSN: 2296-0597

Open Innovation neu denken und steuern: Ein Beitrag aus der Perspektive des Innovationsmanagements an der ETH-Bibliothek

Franziska Regner

Abstract

Der Artikel nennt und erläutert Grundlagen und exemplarische Felder, die sich aus Sicht des Innovationsmanagements an der ETH-Bibliothek anbieten, um Open Innovation zu implementieren und etablierte Methoden des Innovationsmanagements zu erweitern.

The article outlines basic principles and exemplary fields concerning the implementation of Open Innovation in order to expand established methods in innovation management. The article is based on the perspective of innovation management at ETH-Bibliothek.

Cet article esquisse les principes de base ainsi que des exemples de champs d’action permettant la mise en place d’une innovation ouverte (« open innovation »). La perspective se base sur la gestion de l’innovation à la bibliothèque de l’École polytechnique fédérale de Zurich (ETH).

1. Einleitung

Der Begriff Open Innovation wurde im Jahr 2003 durch Henry W. Chesbrough geprägt (Chesbrough 2003). Open Innovation bezeichnet nach Chesbrough die Öffnung des Innovationsprozesses von Organisationen: Einerseits wird externes Wissen systematisch in den Innovationsprozess einbezogen und andererseits wird internes Wissen verstärkt nach aussen getragen. Auslöser für den Paradigmenwechsel von geschlossener zu offener Innovation sind nach Chesbrough sogenannte Erosionsfaktoren. Zu diesen Faktoren zählen die gestiegene Mobilität der Mitarbeitenden, der erweiterte Zugang zu Universitäten, der Verlust der wirtschaftlichen Vorherrschaft der Vereinigten Staaten von Amerika sowie die stark verbesserten Möglichkeiten für Start-Ups, auf Risikokapital zuzugreifen (Chesbrough 2003:34ff). Das Konzept und die daraus abgeleiteten Methoden von Open Innovation stellten Anfang des 21. Jahrhunderts eine umfassende Erweiterung der bis dahin verbreiteten geschlossenen Innovationsprozesse in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen vieler Organisationen dar. Insbesondere auch die Etablierung und kontinuierliche Erweiterung internetbasierter Arbeitsmethoden führte zu einer breiten Anwendung und Weiterentwicklung von Open Innovation. Im Jahr 2014 erweiterten Henry W. Chesbrough und Marcel Bogers das mittlerweile etablierte Konzept von offener Innovation folgendermaßen: „(...) we define open innovation as a distributed innovation process based on purposively managed knowledge flows across organizational boundaries, using pecuniary and non-pecuniary mechanisms in line with the organization‘s business model. These flows of knowledge may involve knowledge inflows to the focal organization (leveraging external knowledge sources through internal processes), knowledge outflows from a focal organization (leveraging internal knowledge through external commercialization processes) or both (coupling external knowledge sources and commercialization activities) (...)“ (Chesbrough und Bogers 2014:17).

Die Offenheit des Innovationsprozesses wird in dieser Definition durch den vom Management gesteuerten und fliessenden Wissenstransfer und durch die Kommerzialisierung als möglicher Kanal für den Wissenstransfer beschrieben. [1]

Welche Optionen ergeben sich für Informationsinfrastruktureinrichtungen, wenn wir uns darauf einlassen, Open Innovation als Bestandteil des Innovationsmanagements neu zu denken und zu steuern, und damit über bereits bestehende Kollaborationen mit Dienstleistern und Firmen zur Produkt(weiter)entwicklung von Informationsinfrastrukturen hinausgehen?

Im Folgenden werden exemplarische Felder genannt und erläutert, die sich aus Sicht des Innovationsmanagements der ETH-Bibliothek anbieten, um Erfahrungen mit Open Innovation zu sammeln und etablierte Methoden des Innovationsmanagements zu erweitern.

2. Co-Working Spaces

Eine hervorragende Plattform für offene Innovationsprozesse ist die Nutzung von sogenannten Co-Working Spaces. Für Informationsinfrastruktureinrichtungen besteht sowohl die Möglichkeit, Co-Working Spaces in ihren eigenen Räumen einzurichten, als auch die Option, sich in bereits bestehende oder künftige Co-Working Spaces einzumieten. Vorteile der zweiten Variante sind, dass testweise verschiedene Räumlichkeiten genutzt werden können und dass die Einmietung zeitlich befristet erfolgen kann. Aktuell entstehen beispielsweise in Zürich diverse Co-Working Spaces, die auch für Innovationsabteilungen in Bibliotheken potenziell von Relevanz sind: So eröffnete die Organisation Impact Hub mit dem sogenannten Colab im September 2015 am Sihlquai neue Räumlichkeiten [2] und erweiterte damit die Standorte in Zürich. Auch die Zürcher Kantonalbank hat jüngst im Zentrum von Zürich offene Büroräumlichkeiten geschaffen, die selbst ohne Mietkosten für einen begrenzten Zeitraum genutzt werden können. [3] Neben den vielfältigen Möglichkeiten der räumlichen und sozialen Vernetzung mit anderen Akteuren, Firmen und deren Innovationskonzepten sind sowohl die Steigerung der persönlichen und methodischen Offenheit der Mitarbeitenden als auch die Förderung von kreativen und experimentellen Arbeitsformen [4] klare Mehrwerte dieser Öffnung. Aufgabe des Innovationsmanagements im Sinne von Open Innovation muss sein, die Chancen und Risiken dieser Öffnung zu reflektieren und gezielte Themen für die Bearbeitung in Co-Working Spaces zu identifizieren. Mit einer Bearbeitung dieser Themen in Co-Working Spaces kann echter Wissenstransfer über Organisationsgrenzen hinweg entstehen.

3. Open Innovation driven by Big Data

„Big Data refers to things one can do at large scale that cannot be done at a smaller one, extract new insights or create new forms of value, in ways that change markets, organizations, the relationship between citizens and government, and more“ (Mayer-Schoenberger und Cukier 2013:6). Was heisst das für Open Innovation? Gerhard Drexler et al. argumentieren in ihrem Artikel „Boosting Open Innovation By Leveraging Big Data“, dass Open Innovation durch Big Data radikal neu gedacht und gesteuert werden kann: „Reorganizing the innovation environment in a world of huge amounts of mostly unstructured data involves establishing data science methods within the organization or using external data science teams“ (Drexler u. a. 2014:300). Erforderlich sind datenwissenschaftliche Methoden und Kenntnisse, die es ermöglichen, große Datenmengen zu prozessieren, zu strukturieren und auf Muster und Verbindungen hin auszuwerten. Kooperationen mit der Forschung sind für Informationsinfrastruktureinrichtungen unerlässlich, um in diesem Feld zu neuen Erkenntnissen und neuen radikalen Innovationen zu gelangen. Auf der Grundlage von bereits vorhandenen Informatik-, IT- und Data Curation-Kenntnissen können gezielte Kooperationen beispielsweise mit der Informatik und den datenorientierten Sozial- oder Wirtschaftswissenschaften dazu genutzt werden, Big Data auch für Open Innovation in Bibliotheken zu nutzen. Grosse Datenmengen ermöglichen es, das Monitoring von Trends mit entsprechenden Tools ganz neu auszurichten. Ausserdem entstehen neue Nachnutzungs- und Vernetzungsmöglichkeiten für die vergleichsweise kleinen Datenbestände, die Bibliotheken bereits vorhalten und die ein vergleichsweise hohes Mass an Struktur aufweisen. Neben der Zusammenarbeit mit der Forschung bieten sich im Umgang mit Big Data auch weitere Kooperationen an, so zum Beispiel mit Künstlerinnen und Künstlern, die die gesellschaftspolitische Relevanz von Big Data in verschiedenen Zusammenhängen zur Darstellung bringen (vgl. zum Beispiel Mareis 2015) und die dabei Anknüpfungspunkte für die Rolle von Informationsinfrastruktureinrichtungen im gesellschafspolitischen Diskurs bieten.

4. Innovationskultur

Die zentrale Grundlage für die Weiterentwicklung von Open Innovation ist die Verankerung von Innovationskultur in Bibliotheken. Die konkrete Form der Innovationskultur wird dabei je nach Einrichtung und Organisationsform unterschiedlich ausfallen (vgl. u.a. Schrage 2013). Wesentlich für die Weiterentwicklung von Open Innovation ist, dass Offenheit gelebt sowie strukturiert und nachhaltig ermöglicht wird. Auch etablierte Managementmethoden müssen sich entsprechend anpassen: „[...] managers need to foster a culture of openness that accepts that the most important ideas for the company often originate from the outside. Incentive structures and career paths have to be adapted to encourage individual employees to look for external commercialization opportunities for ideas that do not match the firm‘s trajectory“ (Alexy und Dahlander 2013:456). Die Offenheit für neue Methoden und Experimente als Bestandteil einer Innovationskultur macht es mithin auch erforderlich, Durchlässigkeit hinsichtlich der Verwertung von Ideen zuzulassen und neben der Outside-In Open Innovation auch Inside-Out Open Innovation zu akzeptieren respektive zu fördern.

5. Fazit

Die genannten Felder stellen sich aus Sicht des Innovationsmanagements an der ETH-Bibliothek als weiterführend für die Auseinandersetzung und die systematische Implementierung von Open Innovation dar. Während die Verankerung einer von Offenheit geprägten Innovationskultur an der ETH-Bibliothek bereits vergleichsweise weit vorangeschritten ist und damit eine zentrale Grundlage für Open Innovation besteht, befindet sich sowohl die Beschäftigung mit Big Data-Methoden als auch die Nutzung beziehungsweise Bereitstellung von Co-Working Spaces für Open Innovation noch in einer frühen Phase des Auslotens. Die Themenfelder werden hier exemplarisch genannt, um mögliche Handlungsfelder von Bibliotheken im Bereich Open Innovation aufzuzeigen. Für das Innovationsmanagement an der ETH-Bibliothek wird es wesentlich sein, erste Erfahrungen systematisch auszuwerten und neben den beispielhaft genannten Themen, Methoden und Grundlagen auch weitere Optionen für Open Innovation in den Blick zu nehmen.

[1] Bereits 2006 hatte Chesbrough seine Definition um „purposive inflows and outflows of knowledge“ ergänzt (Chesbrough 2006:1).

[2] Vgl. https://zurich.impacthub.ch/spaces/colab-location/ (Stand: 28.09.2015).

[3] Vgl. https://www.zkb.ch/de/uu/nb/buero-zueri.html (Stand: 28.09.2015).

[4] Zum Begriff des „intelligenten Arbeitens“ vgl. u.a. Rütti (2015).

Literatur

Alexy, O. und Dahlander, L. (2013). Managing Open Innovation. In: The Oxford Handbook of Innovation Management. Hrsg. von M. Dodgson, D. M. Gann und N. Phillips. Oxford: Oxford University Press, S. 442–461.

Chesbrough, H. W. (2003). Open Innovation: The New Imperative for Creating and Profiting from Technology. Boston, MA: Harvard Business School Press.

– (2006). Open innovation: A new paradigm for understanding industrial innovation. In: Open Innovation: Researching A New Paradigm. Hrsg. von H. W. Chesbrough, W. Vanhaverbreke und J. West. Oxford: Oxford University Press, S. 1–12.

Chesbrough, H. W. und Bogers, M. (2014). Explicating Open Innovation. Clarifying an Emerging Paradigm for Understanding Innovation. In: New Frontiers in Open Innovation. Hrsg. von H. W. Chesbrough, W. Vanhaverbreke und J. West. Oxford: Oxford University Press, S. 3–28.

Drexler, G., Duh, A., Kornherr, A. und Korošak, D. (2014). Boosting Open Innovation by Leveraging Big Data. In: Open Innovation. John Wiley Sons, Inc., S. 299–318. DOI: 10.1002/9781118947166.ch11.

Mayer-Schoenberger, V. und Cukier, K. (2013). Big Data. A Revolution That Will Transform How We Live, Work and Think. London: John Murray Publishers.

Dr. Franziska Regner leitet den Bereich Innovation und Entwicklung an der ETH-Bibliothek, Rämistrasse 101, CH-8092 Zürich, Tel.: ++41 (0)44 632 34 93, E-Mail: franziska.regner@library.ethz.ch