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027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 3,2 (2015): RDA?, S. 74-80.

DOI: 10.12685/027.7-3-2-64

ISSN: 2296-0597

Sacherschliessung nach RDA

Hans Schürmann

Abstract

Die Resource Description and Access (RDA) wird für den deutschsprachigen Raum das neue Regelwerk für die bibliothekarische Erschliessung der Bestände. In diesem Regelwerk wird auch die Sacherschliessung neu geregelt. Zurzeit sind diese Seiten noch leer. Doch wie soll ein Regelwerk für die Sacherschliessung aussehen? Kriterien für eine Regelung fehlen, zu stark hat sich das Umfeld der Inhaltserschliessung in den letzten Jahren geändert. Auch von der Schlagworttheorie her sind noch keine Hinweise in Sicht. Deshalb wird in verschiedenen Gremien intensiv diskutiert, wie eine zukunftsfähige Sacherschliessung aussehen könnte. In welchem Rahmen bewegt sich die Diskussion und woran soll sich die Regelwerksentwicklung für den Sachkatalog orientieren? Der Beitrag erwägt zwischen der Sachkataloggeschichte einerseits und dem modernen Datenmanagement im Netz andererseits die Bedeutung und die Rolle eines Sacherschliessungsregelwerks.

Resource Description and Access (RDA) will be the new standard for descriptive cataloguing in the German-speaking countries. Under RDA, subject indexing will also be redefined, although, at present, the relevant pages remain blank. This article ponders the question what these new standards could look like. As yet no clear criteria have emerged – the field of subject indexing has undergone too much change in recent years for that. Nor does the theory appear to offer any answers at the moment. There is therefore intensive and ongoing debate in the various forums. What is the framework of these discussions and what are the key criteria? The article summarizes them and considers the importance of indexing standards in the light of both the history of indexing and modern data management on the web.

1. Einleitung

Wenn heute vermehrt wieder über Sacherschliessung nachgedacht wird, so geschieht das nicht ganz freiwillig. Es gibt zwei Gründe für diese erneute Aufmerksamkeit für die Sacherschliessung.

Der erste Grund ist der ökonomische Druck. Die steigende Zahl von Publikationen überfordert die Bibliotheken, alle Dokumente im Katalog zu erfassen und auch zu erschliessen. Die elektronischen Publikationen fallen hier besonders ins Gewicht. Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) hat deshalb entschieden, die sachliche Erschliessung nicht mehr allen Dokumenten in gleicher Weise zukommen zu lassen. Sowohl die Art der Vergabe, ob maschinell oder intellektuell erschlossen wird, als auch die Erschliessungstiefe mit Schlagwörtern der Gemeinsamen Normdatei (GND), der Dewey Decimal Classification (DDC) und mit den Sachgruppen der DNB sind für die verschiedenen Objektgruppen abgestuft. Netzpublikationen zum Beispiel werden nur noch maschinell erschlossen. Der Grund für die Entscheidung abgestufter Erschliessung liegt im nicht mehr finanzierbaren Aufwand. Die Sacherschliessung ist zu teuer (Deutsche Nationalbibliothek 2014a). Nun scheint aber aus dieser Not eine Tugend zu werden. Durch die Akzeptanz der maschinellen sachlichen Erschliessung bei Netzpublikationen stellt sich unweigerlich die Frage, ob diese ökonomisch interessante Art der Erschliessung nicht auch auf andere Objekttypen ausgeweitet werden kann. Wenn die Metadaten nicht-digitaler Objekte mit hinreichend inhaltlichen Informationen (Inhaltsverzeichnisse, Klappentexte unter anderem) angereichert werden, dann könnten auch diese Objekte auf die gleiche Weise erschlossen werden wie die Netzpublikationen. Das Projekt Petrus der DNB, das ursprünglich für die Unterstützung der Sacherschliessung der digitalen Bestände der DNB gedacht war, sucht nun auch Lösungen für die maschinelle Erschliessung anderer Medienarten (Deutsche Nationalbibliothek 2014b). Dabei geht es nicht nur um die Ausweitung der Nutzung maschineller Indexierung, es ist klar auch eine Reduktion des Indexierungsaufwandes angestrebt, um Ressourcen für andere Aufgaben in der Bibliothek freizumachen. Die DNB überlegt sich offenbar die Umschichtung von Stellen aus der Abteilung Inhaltserschliessung in andere Aufgabenfelder (Junger 2015:17). Der Trend, Ressourcen aus der Inhaltserschliessung in andere Bereiche zu verlagern, ist jedoch nicht nur bei der DNB zu beobachten, er ist in allen Bibliotheken zu einer viel diskutierten Frage geworden.

Der zweite Grund besteht in der Etablierung eines neuen Regelwerks für die Katalogisierung. Die Bibliotheken in Deutschland und Österreich stossen mit den Regeln für die alphabetische Katalogisierung (RAK) an ihre Grenzen. Um die verschiedenen Medientypen katalogisieren zu können, mussten die Bibliotheken das Regelwerk erweitern: RAK für wissenschaftliche Bibliotheken (RAK-WB), RAK für Nichtbuchmaterialien (RAK-NBM), RAK für Musikdrucke, Musiktonträger (RAK-M). Auch im englischsprachigen Raum kämpften die Bibliotheken mit ähnlichen Problemen, ihre Anglo-American Cataloguing Rules II (AACRII) hatten ebenfalls eine Revision nötig. 2001 entschloss man sich mit einer Revision die AACRIII herauszugeben, stellte dann aber fest, dass eine tiefgreifendere Entwicklung bevorstand. Nicht nur die Vielfalt der Objekttypen sollte in einem Regelwerk abgehandelt werden, man wollte auch die Datenstruktur modernisieren und an den Standard der Functional Requirements for Bibliographic Records (FRBR) der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) angleichen. Um dieser Neuausrichtung des Regelwerks auch im Namen Gewicht zu geben, heisst das Grundlagenwerk heute Resource Description and Access (RDA). Deutschland, Österreich und die Schweiz haben mittlerweile entschieden, ihre Regelwerke nicht mehr weiterzuentwickeln und stattdessen die RDA zu übernehmen (zur Geschichte der Regelwerke vgl. Schaffner 2013). Die DNB hat für den Formalkatalog die RDA bereits eingeführt, der Informationsverbund Deutschschweiz (IDS) wird 2016 nachziehen. Mit der Einführung der RDA bekommt die Sacherschliessung eine neue Dimension. Die RDA macht nämlich keinen Unterschied zwischen Formal- und Sacherschliessungsregeln, sie sieht vielmehr die Sacherschliessung als wesentlichen Teil der Erschliessung der Ressourcen. Insofern ist es konsequent, dass die Sacherschliessung neu ebenfalls in der RDA geregelt wird. Nur sind derzeit die Seiten zur Sacherschliessung im Regelwerk immer noch leer. Es drängt sich nur schon deswegen auf, sich grundsätzlich über die Sacherschliessung Gedanken zu machen. Deshalb hat der Standardisierungsausschuss der DNB beschlossen, „eine grundlegende Betrachtung und Neuorientierung der inhaltlichen Erschliessung“ einzuleiten (Arbeitsstelle für Standardisierung 2015:10).

2. Entwicklung eines neuen Regelwerks

Für den Formalkatalog ist der Weg der Regelwerksentwicklung der RDA mit den AACRII als Basis gegeben. Für den Sachkatalog gibt es keine vergleichbare Grundlage. Im anglo-amerikanischen Raum sind die Regeln zu den Library of Congress Subject Headings (LCSH) keine Option (Braune-Egloff 2008). Es ist daher davon auszugehen, dass die Regeln in der RDA sehr allgemein sein werden. Das gibt für eine konkrete Ausgestaltung in den Anwendungsrichtlinien (AWR) zur RDA viel Spielraum, birgt aber zugleich die Gefahr, dass in diesen AWR die Regeln für den Schlagwortkatalog (RSWK) der DNB eine revidierte Neuauflage erfahren. Damit dies nicht unbesehen geschieht, hat sich die Expertengruppe Sacherschliessung in den letzten zwei Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt. Der Standardisierungsausschuss der DNB wird zudem ein Verfahren festlegen, wie die Regeln für den Sachkatalog ausgearbeitet werden sollen. Unabhängig davon, wie dieses Verfahren aussehen wird und wie die RDA den Rahmen für die Sacherschliessung absteckt, braucht es Kriterien, an denen die Grundrichtung der Regelwerksentwicklung für den Sachkatalog gemessen werden kann. Woher sollen diese Kriterien kommen? Fragt man im Fachreferat nach, an welchen Kriterien oder Leitlinien sich die Sacherschliessung orientieren soll, so bekommt man ebenso viele verschiedene Antworten wie die Anzahl der befragten Mitarbeiter. Es ist aber auch nicht möglich, auf Kriterien aus der Theoriebildung zurückzugreifen, weil in diesem Bereich die Theoriebildung der faktischen Entwicklung schlicht hinterher hinkt. Ein Blick zurück kann sich vielleicht trotzdem lohnen. Regelwerksentwicklung impliziert, dass es eine Regelwerksgeschichte oder zumindest eine Erschliessungspraxis gibt. Im Folgenden soll versucht werden, aus der Reflexion dessen, was bis jetzt geleistet worden ist, Anhaltspunkte für eine Regelwerksentwicklung zu erhalten.

Zunächst einen Blick in den Zettelkatalog: Wie wird hier die Literatur sachlich geordnet? In einem Zettelkatalog, in dem der Platz für Metadaten auf einer Katalogkarte knapp ist, wird das Ordnungssystem mit Wortgruppen und Untergruppen auf Leitkarten erfasst und die einzelnen Zettel, die mit dem Gruppenschlagwort und einem spezifischen Schlagwort versehen sind, alphabetisch eingereiht. Passt die Katalogkarte auch an einem anderen Ort, so wird eine zweite Karte erfasst und mit den entsprechenden Schlagwörtern versehen auch dort eingereiht. Systematische Doppelstellen werden durch Verweiskarten „siehe unter“ nur an einer Stelle gepflegt. Diese Art der Katalogpflege birgt in sich schon ein erstes Grundprinzip: Die Wortgruppen dürfen nicht zu fein ausdifferenziert sein, weil sie sonst den Zettelkatalog mit Leitkarten unverhältnismässig aufblähen. Sie dürfen auch nicht zu weit sein, weil dann die unter eine Wortgruppe fallende Literatur zu umfangreich ist. Die Ausdifferenzierung des Schlagwortkatalogs ist demnach sinnvollerweise am Umfang des Bestandes ausgerichtet und die alphabetische Sortierung mit dem engsten Schlagwort sichergestellt. Um die Konsistenz der Schlagwortvergabe zu erleichtern, führt man einen Schlagwortindex in einem Buch. Damit kann der Indexierer nachsehen, unter welchem Schlagwort und dann unter welcher Schlagwortgruppe das Buch sachlich am besten eingeordnet wird. Die Nutzung dieses Katalogs hat aber auch ihren Preis. Für die Recherche im Katalog ist es quasi erforderlich, die Logik des Ordnungssystems zu kennen.

Man könnte denken, dass sich mit der Erfassung der Metadaten in einer Datenbank die Dinge grundsätzlich ändern würden. Schliesslich hat das Computerzeitalter in vielen Bereichen für Innovationen gesorgt. Nicht so in der Bibliothekswelt. Der Computer hat zunächst einmal nur den Zettelkasten ersetzt. Zwar spielt die Metadatenmenge keine Rolle mehr, Speicherplatz ist genug vorhanden. Auch der Sachindex muss nicht mehr von Hand geführt werden. Die Grösse des Indexes sprengt auch nicht mehr den Katalogumfang. Aber die Einführung der digitalen Erfassung der Metadaten in einer Datenbank hat bisher nicht dazu geführt, dass sich die Prinzipien der Sachkatalogisierung geändert hätten. Vielmehr sah man den Computer und die Datenbank als eine Arbeitserleichterung für das, was man bisher schon getan hatte. Die Unterteilung des Zettelkatalogs in Sachgruppen und Untergruppen bis hin zum spezifischen Schlagwort wird jetzt in Schlagwortketten in einem Datenbankfeld erfasst. Damit hat man den Kontext, in welchem ein Buch inhaltlich zu verorten ist, gesichert. Jeder eingeordnete „Zettel“ entspricht dann einer eigenen Schlagwortkette. Der Index ist jetzt sehr viel übersichtlicher und bequem in einer Liste navigierbar. So komfortabel dieser Zugang aus bibliothekarischer Sicht auch ist, es zeigt sich schnell, dass sich die Nutzung des elektronischen Zettelkatalogs nicht an der bibliothekarischen Ordnung des Indexes orientiert, sondern dass die neue Möglichkeit, mit einer Suche im Stichwortindex ebenso schnell, wenn auch nicht so präzise, zum Ziel zu kommen, den Nutzern viel attraktiver erscheint. Die Suche selbst gewählter Wortkombinationen aus dem Stichwortindex ergibt Treffermengen, die der Zettelkatalog nie hätte bieten können. Halten wir also fest: Der Computer und die Suche nach Stichworten ist ein Mehrwert und von den Bibliotheksnutzern sehr geschätzt. Aus der Erfahrung des Zettelkatalogs wird mit der Stichwortsuche die Erwartung verbunden, zu einem Schlagwort oder einer Schlagwortkombination alle Literatur zu finden, die die Bibliothek zu diesem Thema hat. Die Bibliotheken haben ihrerseits darauf reagiert, indem sie die spezifischen Schlagwörter erfasst und suchbar gemacht haben. Im deutschen Sprachraum haben sich dafür die Schlagwortnormdatei (SWD) und die RSWK durchgesetzt. Im Zuge der weiteren Entwicklung ist aus der SWD die GND geworden, die auch die Normalisierung der Autoren und Körperschaften mit einer Autoritätsdatei erlaubt. Für den Sachkatalog sind demnach die RSWK und die GND Grundlagen, die auch bei der Entwicklung eines neuen Regelwerks für den Sachkatalog mit RDA in irgendeiner Weise relevant bleiben. Deshalb hat die Deutsche Nationalbibliothek als ersten Schritt in Richtung RDA den Auftrag erteilt, die RSWK bis Oktober 2015 anzupassen (Arbeitsstelle für Standardisierung 2015:10).

Der entscheidende Schritt und zugleich die grösste Herausforderung für den Katalog, ja für die Bibliothek überhaupt, ist hierbei die Entwicklung und Etablierung des Internets. Die Bibliotheken verlieren auf einen Schlag ihr Monopol des Wissenszuganges. Schnell lernen Bibliotheksnutzer mit Suchmaschinen umzugehen und verinnerlichen eine Herangehensweise zur Informationsbeschaffung, die wir heute salopp als „googeln“ bezeichnen. Suchmaschinen wie Google sind darauf ausgelegt, zu beliebigen Wortkombinationen relevante Treffer zu liefern. Das Internet schafft diesen Zugang, ohne dass intellektuell zuerst ein Index angelegt werden müsste, den die Suchmaschinen nutzen können. Gleichzeitig ist die Verwendung des Internets intuitiv möglich, man muss das Internet nicht erst verstehen, um es nutzen zu können. Die postkombinierte Suche ist hier selbstverständlich. Aber nicht nur der Wissenszugang entgleitet dadurch den Bibliotheken, sie erhalten auch bezüglich der Wissensinhalte Konkurrenz. Das Internet selbst ist zum Produzenten gigantischer Mengen von Metadaten elektronischer Ressourcen im Netz geworden. Das Web entwickelt sich damit selbst zum Ort des Wissens, des Wissensaustausches, der Wissensvernetzung, der Wissenskommunikation und der Wissensspeicherung. Es ist daher kein Zufall, dass sich die RDA in ihrer Struktur am Modell der Wissensorganisation semantischer Netze orientiert, dem FRBR zugrunde liegenden Entity-Relationship-Model (ERM). Diese Art der Wissensorganisation ist nicht aus der bisherigen Kataloglogik der Indexierung ableitbar. Sie hat eine andere Struktur und einen anderen Zweck, nämlich die weitgehend automatische Organisation grosser unübersichtlicher Datenmengen, auch Big Data genannt, im Internet. Die RSWK ist hier nicht mehr anwendbar. Die GND kann hier zwar noch eine Rolle spielen, jedoch nicht so sehr als Thesaurus, sondern eher als Bindeglied verschiedener Ressourcen dank ihrer ID-Nummern.

Richten wir den Blick nunmehr auf die verschiedenen Facetten, die mit dem Web auf die Bibliotheken und ihre Kataloge zukommen. Meines Erachtens drängt sich zunächst eine Unterscheidung zwischen der Wissensorganisation von Big Data und dem Wissenszugang zu einem gepflegten Bibliotheksbestand auf. Für Big Data sind die Prinzipien und Techniken der Retrieval Systeme adäquat, für die Erschliessung eines Bibliotheksbestandes reicht das auf keinen Fall. Denn in Big Data reicht es aus, zu einer Suchanfrage relevante Treffer zu finden; in einem Bibliotheksbestand hingegen ist der Anspruch nach wie vor, alles zu finden, was die Bibliothek zu einem Thema bieten kann. Das Relevanz-Ranking hier ist ja idealerweise bei der Auswahl des Bestandes schon erfolgt. Wenn dem also so ist und die Unterscheidung Sinn macht, dann ist die Sacherschliessung gezwungen, ihre Prinzipien an den zu erschliessenden Bestand anzupassen. Für Big Data reicht eine nicht näher durch Regeln präzisierte maschinelle Erschliessung, vorzugsweise mit kontrolliertem Vokabular, für den gepflegten Bestand muss es jedoch weiterhin einen sorgfältig intellektuell erschlossenen Zugang geben. Heute bestreitet niemand mehr, dass die grossen Mengen elektronischer Ressourcen maschinell erschlossen werden sollen. Wie steht es aber mit dem gepflegten Bibliotheksbestand?

Hier lohnt sich der Blick auf einen weiteren Aspekt, nämlich den durch das Web sehr einfachen Austausch von Metadaten. Der Gedanke der kooperativen Erschliessung ist hier sehr naheliegend. Im Bereich des Formalkataloges gelingt das sehr gut, der Sachkatalog hat damit jedoch grössere Probleme. Bibliotheken haben unterschiedliche Sammelschwerpunkte und Bestandesgrössen. Die Sacherschliessung richtet sich ja, wie gesagt, am Umfang des Bestandes aus. Das bedeutet, selbst wenn derselbe Thesaurus verwendet wird, so bleibt doch die Erschliessungstiefe der Bibliotheken in den einzelnen Gebieten höchst verschieden.Wenn jetzt Erschliessungsdaten anderer Bibliotheken übernommen werden, so passt die Erschliessung unter Umständen nicht mehr in den Kontext des eigenen Bestandes. Man hat deshalb verschiedene Erschliessungstiefen in mehrere Schlagwortketten abgebildet. Das war eine gute Lösung, bis dann die Schlagwortketten aufgegeben wurden. Jetzt finden sich Unter- und Oberbegriffe meist nebeneinander in demselben Katalogisat. Das hat zur Folge, dass die Treffermengen für allgemeine und übergeordnete Begriffe sehr umfangreich und somit unübersichtlich werden. Der Index beziehungsweise die Themenfacette macht dann keinen Sinn mehr. Man hätte jedoch immer noch ein sehr gutes Relevanz-Ranking.

Wie steht es auf der anderen Seite mit der Auswertung der Metadaten in Discovery Tools? Dieser Aspekt ist insofern interessant, als damit eine enorme Gestaltungsfreiheit ermöglicht wird. Discovery Tools haben zunächst das Ziel, unterschiedliche Ressourcen unter derselben Oberfläche suchbar zu machen. Die Präsentation der Resultate erfolgt vorzugsweise nach Relevanz. Es ist klar, dass der Themenindex in einem Discovery Tool, in dem die unterschiedlichsten Quellen integriert sind, allein keine inhaltlich sinnvolle Facettierung ermöglicht. Themenfacetten machen nur unter Eingrenzung einer klar definierten Kollektion wirklich Sinn. In der Regel ist dies die Einschränkung auf eine Bibliothek oder eine Erscheinungsweise (print-online). Gleichzeitig ist die unter den Vorzeichen von Big Data erfolgte Erschliessung mit einem verbreiteten, gepflegten Thesaurus auch ohne die Einhaltung jedweder Indexierungsregeln ein enormer Gewinn. Die Retrieval-Instrumente sind darauf ausgelegt, auch bei unscharfer Vergabe aus strukturierten Metadaten ein sehr gutes Relevanz-Ranking zu erzeugen. Für die Wissensgewinnung ist das in der Regel mehr als genug, für einen inhaltlichen Bestandesnachweis in einer Bibliothek sicher zu wenig. Bibliotheken werden immer beides bieten wollen: einen Zugang zur Welt des Wissens und ein Schaufenster gepflegter Sammlungen.

3. Fazit

Die Sacherschliessung im Bibliothekskontext richtet sich nach dem Angebot und dem Zugang, den die Bibliothek bietet. Ein Regelwerk muss so gestaltet sein, dass die Bibliothek die Erschliessungstiefe selbst bestimmen kann. Im Datenaustausch macht dann die Übernahme von Fremddaten nur unter ähnlichen Bibliotheken Sinn. Metakataloge können keine sinnvollen Facetten anbieten, hier muss ein Relevanz-Ranking genügen. Dasselbe gilt für die Discovery Tools, in denen Quellen mit verschiedenen Erschliessungssystemen unter einer Oberfläche suchbar gemacht werden. In Kombination mit den Daten der Formalerschliessung sollen hingegen auch bei den Discovery Tools Filter so gestaltet sein, dass in spezifischen Beständen, die intellektuell sachlich erschlossen sind, ein Index der Schlagwörter als Themenfacetten angezeigt und genutzt werden kann. Die RDA wird dafür den Rahmen geben müssen.

Literatur

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Dr. Hans Schürmann hat die Fachverantwortung für den Sachkatalog an der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern und ist Mitglied der GND/S Zentralredaktion des IDS, Frohburgstrasse 3, CH-6002 Luzern, Tel.: ++41 (0)41 228 53 15, E-Mail: hans.schuermann@zhbluzern.ch