Mumenthaler_Schuldt

027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 2,1 (2014): Konsortien & Konsorten, S. 5-11.

DOI: 10.12685/027.7-2-1-47

ISSN: 2296-0597

Vor welchen Veränderungen steht die schweizerische Verbundslandschaft?

Karsten Schuldt, Rudolf Mumenthaler

Abstract

Die schweizerische Verbundslandschaft steht vor Umbrüchen. Grund sind technische und politische Entwicklungen, Diskussionen und Entscheidungen in Bibliotheken und Bibliotheksverbünden sowie die Veränderungen im Umfeld von Bibliotheken im Allgemeinen. Dieser Text stellt Argumente zusammen und fordert zur Diskussion dieser Situation auf. Bibliotheken sollten sich darüber klar werden, welche Verbünde, mit welchen Aufgaben und welchen Steuerungsformen, sie in Zukunft haben wollen.

In Switzerland, the landscape of union catalogues and their hosting consortia has recently been in turmoil. Technical and political changes, discussions and decisions in libraries and library consortia, as well as the evolution of libraries at large have led to this situation. The following text summarizes arguments, but is also a call for discussion in which Swiss libraries should elaborate positions concerning future consortia and union catalogues, their responsibilities and governance.

1. Einleitung

Die Landschaft der schweizerischen Bibliotheksverbünde steht offenbar vor einem Umbruch. In den letzten Monaten verdichten sich in der Bibliotheksszene die Gerüchte, dass der IDS Basel und der IDS Bern den Beitritt zum NEBIS-Verbund beziehungsweise zu einem gemeinsamen Verbund mit dem NEBIS beschlossen hätten, zudem hat der Grand Conseil des Kanton Waadt den Austritt aus dem RERO beschlossen – ohne darüber offiziell zu informieren. Im Aargauer Bibliotheksnetz werden Grundsatzdiskussionen über die Zukunft des Verbundes geführt. Und dies sind nur die Entwicklungen, die (zumindest teilweise) öffentlich sichtbar sind. Die dabei gefällten oder sich noch in der Diskussion befindlichen Entscheidungen haben weitreichende Folgen für die Schweizer Verbundslandschaft in einer Zeit, in der sich im bibliothekarischen Umfeld tiefgreifende technische, gesellschaftliche und politische Veränderungen abspielen, die sich wiederum auf die Zusammenarbeit von Bibliotheken auswirken.

Der Entscheid zur Zusammenlegung von Verbünden oder zum Austritt aus einem Verbund wird nicht ohne vorherige Auseinandersetzungen und immer vor dem Hintergrund strategischer Überlegungen getroffen; Entscheidungen, die unterschiedlich motiviert sein können. Gewiss spielen dabei bibliothekarische, politische, finanzielle und andere Interessen eine gewichtige Rolle. Egal, wie die einzelnen Entscheidungen bewertet werden, fest steht, dass die Verbundslandschaft Schweiz in Bewegung geraten ist, unter anderem angestossen durch das Förderprogramm SUK P-2 „Wissenschaftliche Information“ [1], welches den Aufbau einer nationalen Informationsinfrastruktur für die Forschung zum Ziel hat. Hier mussten die Universitätsbibliotheken erkennen, dass sie ohne eine engere Kooperation und den Aufbau gemeinsamer Infrastrukturen den Anforderungen der Hochschulpolitik nicht mehr entsprechen. In diesem Kontext wird zurzeit unter anderem eine nationale Organisation der Hochschulbibliotheken diskutiert, wie sie im Strategiepapier zum genannten Förderprogramm erwähnt wird [2], wobei das Thema Zukunft der Verbünde auch in den Nachbarländern ganz zuoberst auf der Agenda steht und somit nicht etwa eine spezifisch schweizerische Herausforderung darstellt. [3]

Es ist wohl berechtigt, anzunehmen, dass die laufenden Diskussionen noch lange nicht abgeschlossen sind und hinter den Kulissen weiter geführt werden. Die Entwicklungen, die nun anstehen, sind grundsätzlicher Art und werden die Arbeit der Bibliotheken und ihrer Mitarbeitenden auf Dauer verändern. Die eher politisch und eventuell ökonomisch motivierten Diskussionen werden zudem von technischen Entwicklungen überlagert, wie zum Beispiel den cloudbasierten Katalogen [4] oder von RDA als neuem Regelwerk [5].

Alle Bibliotheken haben ein grundsätzliches Interesse daran, die vorhandenen Mittel so einzusetzen, dass sie von den eigenen Nutzerinnen und Nutzern möglichst effektiv genutzt werden können. Dies gilt auch bei der Wahl eines Verbundes, der Mitarbeit in diesem Verbund und den Anforderungen, die an diesen Verbund gestellt werden. Gleichzeitig wirkt sich die Auswahl eines Verbundes auf die alltägliche Arbeit der Kolleginnen und Kollegen in den Bibliotheken aus, selbst wenn sie nicht an der Auswahl oder der internen Politik eines Bibliotheksverbundes beteiligt sind.

Die aktuellen Umbrüche in der Verbundslandschaft der Schweiz bieten die Möglichkeit, grundsätzlich und transparent über die Entscheidungen in Bezug auf die Verbünde zu diskutieren. Ein Veränderungsbedarf ist offenbar vorhanden, ansonsten wären die Entscheidungen der letzten Monate nicht getroffen worden. Sicherlich verfügt die gesamte Frage über eine gewisse Sprengkraft, ist geprägt von politischen Rücksichtnahmen und Ansprüchen, getrieben von den technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Wir haben es hier mit einem Veränderungsprozess auf nationaler Ebene zu tun, der – wie auch jeder interne Change-Prozess – bei den Beteiligten und Betroffenen Ängste weckt, Unsicherheiten erzeugt und zu emotionalen Reaktionen führen kann. Es drohen der Verlust von Einflussmöglichkeiten und Mitbestimmung sowie der Kontrolle über die Folgen der Veränderungen.

Obgleich die Ausgangslage heikel ist, scheint uns der Zeitpunkt günstig, die notwendigen Diskussionen so transparent zu führen, dass sich alle an den Bibliotheken beteiligten Personen einbringen können. Grundsätzlich sollte bei einer solchen Diskussion immer die Frage im Mittelpunkt stehen, wie die Bibliotheken – sowohl die einzelne Bibliothek vor Ort als auch als Gesamtheit aller Bibliotheken – am sinnvollsten für die Nutzerinnen und Nutzer da sein können. Immerhin ist man sich weitgehend einig, dass eine Veränderung notwendig ist, damit die Bibliotheken den aktuellen und künftigen Herausforderungen erfolgreich gegenüber treten können.

Im Folgenden wollen wir kurz die Themen aufzeigen, deren Klärung uns in diesen Debatten als wichtig erscheint. Dies ist als Aufforderung zur Diskussion zu verstehen. Wir geben nicht vor, die ideale Lösung zu kennen und wir wissen, dass nicht jede theoretisch denkbare Variante sinnvoll in die Praxis umgesetzt werden kann. Eine transparente Debatte würde aber klären, welche Positionen eingenommen werden und warum. Wir erlauben uns, als Forschende im Fachgebiet Bibliothekswissenschaft an der HTW Chur und somit als nicht direkt Involvierte, diese Diskussion zu lancieren und sind gerne bereit, als mehr oder weniger neutrale Beobachter den künftigen Prozess zu moderieren. [6]

2. Verbünde für einen Bibliothekstyp oder für alle Bibliotheken?

Die Schweiz kennt unterschiedliche Lösungen in Bezug auf die Frage, ob ein Verbund für einen oder für alle Bibliothekstypen organisiert sein soll. So sind zum Beispiel IDS-Verbünde für Wissenschaftliche Bibliotheken, das Biblionetz Zürich für Öffentliche Bibliotheken, hingegen RERO, das Aargauer Bibliotheksnetz oder das Sistema bibliotecario ticinese für (fast) alle Bibliotheken der beteiligten Kantone oder Sprachregionen zuständig.

Die Möglichkeiten und Probleme der verschiedenen Lösungen sind offensichtlich. Verbünde, die sich auf einen Bibliothekstyp konzentrieren, können Angebote für spezifische Nutzungen zielgruppenorientiert entwickeln und bereitstellen, gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sie die gesamtbibliothekarischen Entwicklungen aufgrund dieser Spezialisierung übersehen. Dies kann nicht nur für die Verbünde, sondern auch für die beteiligten Bibliotheken ein Hemmnis darstellen. Aus Nutzersicht besteht der Vorteil, dass die Angebote auf die Bedürfnisse der Zielgruppen zugeschnitten werden können. Andererseits kann es ein Nachteil für den Nutzer sein, wenn er für verschiedene (private oder berufliche) Interessen unterschiedliche Bibliothekskataloge konsultieren muss und mehrere Bibliotheksausweise benötigt.

Umgekehrt profitieren in umfassenden Verbünden alle Bibliotheken von den Angeboten und Entwicklungen, gleichzeitig kann genau dieser breite Blick davon abhalten, spezifische Dienstleistungen für die einzelnen Zielgruppen zu entwickeln. Spezialwünsche einzelner Bibliotheken, zum Beispiel analytische Aufnahmen von Zeitschriftenartikeln in einer Mediothek, laufen Gefahr nicht berücksichtigt zu werden. Zudem sind nicht nur die Zielgruppen und Aufgaben der Bibliothekstypen unterschiedlich, sondern auch die Ansprüche an die Bibliothekskataloge sowie die Art und Tiefe der Erschliessung. Ebenso bestehen bei der Beschlagwortung unterschiedliche Bedürfnisse – gerade zwischen Wissenschaftlichen und Allgemein Öffentlichen Bibliotheken. Die Erfahrungen der Beteiligten in kombinierten Verbünden wie dem RERO oder dem Bündner Bibliotheksverbund wären eine wichtige Grundlage für den Entscheid, ob übergreifende oder spezialisierte Verbünde sinnvoller sind.

3. Viele Verbünde, drei Verbünde, ein Verbund? In welchem Zusammenhang?

Ein weiterer Aspekt, der bei allen Diskussionen über Bibliotheksverbünde eines Landes im Raum schwebt, ist die Frage, wie viele Verbünde sinnvoll sind und wie diese aufeinander bezogen sein sollen. Ein Blick in das europäische Ausland lehrt, dass es auch für diese Frage keine eindeutige Lösung gibt. [7] Für die Schweiz stellt sich zudem die Sprachenfrage. Es ist offensichtlich, dass sich die bisherigen Verbünde grob an den Sprachgrenzen innerhalb der Schweiz orientieren, dabei aber durchaus mehrsprachig ausgerichtet sein können, wie der RERO- und der NEBIS-Verbund.

Ein Vorteil mehrerer verteilter Verbünde ist sicherlich, dass dies dem förderalen Charakter der Schweiz entspricht und dass in ihnen die einzelnen Bibliotheken einen potentiell grösseren Einfluss auf die Entwicklung des jeweiligen Verbundes nehmen können. Eine solche Struktur kann zu schnelleren Entscheidungsprozessen führen, zumal die Organisation mehrerer Verbünde sehr unterschiedlich gehandhabt werden kann. Kleinere Verbünde können als Netzwerk gemeinsame Entscheidungen treffen und gleichzeitig eigenständig bleiben. In der Realität fehlen diesen kleinen Verbünden aber oft die Mittel, um mit den neuesten Entwicklungen Schritt halten zu können.

Zentrale Verbünde – sowohl gedacht als ein Gesamtschweizer Verbund als auch als je ein Verbund für die drei grossen Sprachgruppen oder für je einen Bibliothekstyp – haben den Vorteil, dass mehr Ressourcen gebündelt, Skaleneffekte genutzt, Entscheidungen für eine grössere Anzahl von Bibliotheken getroffen und für diese zentral Angebote entwickelt werden können. Zudem haben zentrale Verbünde durch ihre Grösse mehr Möglichkeiten für langfristige Planungen und zukunftsgerichtete Investitionen.

Zu fragen ist, welche Verbundsform für die Nutzerinnen und Nutzer in Bezug auf ihr Nutzungsverhalten die beste bibliothekarische Versorgung garantiert. Profitieren sie in der Svizzera Italiana zum Beispiel von einem Verbund für diesen Sprachraum mehr als sie von einem gesamtschweizerischen profitieren würden? Zu klären wäre auch, ob mehrere Verbünde in einer Form zusammenarbeiten können, welche die Vorteile kleiner Einheiten nutzt und gleichzeitig die übergeordnete Koordination und somit eine nationale Verbundspolitik ermöglicht.

4. Politik in den Verbünden: Wer kann die Entwicklung der Verbünde beeinflussen?

Eine Frage, die hinter den Kulissen eine wichtige Rolle spielt, ist die der verbundsinternen Politik. Wie eigenständig oder gebunden ist die Verbundzentrale? Können Bibliotheken einen Einfluss auf die Entscheidungen im Verbund nehmen? Wenn ja, wie? Gibt es transparente Entscheidungsprozesse in definierten Gremien? Sind die kleineren Bibliotheken in einem Verbund in der Lage, ihre Interessen einzubringen oder bestimmen allein die grossen Bibliotheken und die Verbundzentralen die Entwicklungsrichtungen? Werden innovationsfreudige Bibliotheken durch eine (trägere) Mehrheit gebremst? In welchem Verhältnis stehen Einflussmöglichkeit und finanzielle Leistung der Verbundpartner und in welchem Verhältnis sollten sie stehen? Ist ein Verbund, der alle Beteiligten in den Entscheidungsprozess involviert, überhaupt noch handlungs- und innovationsfähig?

Gerade bei dieser Frage ist man auf Vermutungen und Gerüchte angewiesen, aber es scheint, dass ein Grund für viele Auseinandersetzungen in Verbünden in diesem Kontext zu suchen ist. Vielleicht wäre es sinnvoller, die Entscheidungsstrukturen in den Verbünden transparenter zu diskutieren, eventuell auch so umzugestalten, dass einzelne Bibliotheken wissen, wie gross ihr Einfluss ist.

Gerade für ambitioniertere Bibliotheken stellt sich die Frage: Wie viel Einfluss hat man auf die strategische Entwicklung des Verbundes und wie viel kostet die Teilnahme? Bei der eventuell anstehenden Frage, ob und wie die Deutschschweizer Hochschulbibliotheksverbünde zusammengelegt werden, wird dies ebenfalls ein entscheidendes Kriterium sein. Im Endeffekt sind es auch Fragen der Mitsprache- und Entscheidungsmechanismen sowie der Finanzierung gemeinsamer Aktivitäten, welche über die Zukunft einer nationalen Organisation der Schweizer (Hochschul-)Bibliotheken entscheiden werden. Ohne Kompromisse und Zugeständnisse aller Beteiligten wird es keine Lösung geben.

5. Bibliothekssystem: Ein System pro Verbund oder viele?

Eine technische Frage, die immer wieder im Zusammenhang mit anderen Fragen der Verbundsarbeit diskutiert wird, lautet, warum die Bibliotheken eines Verbundes – wie in der Schweiz üblich – allesamt die gleiche Bibliothekssoftware verwenden. Als Grund dafür werden technische Fragen angegeben, aber in einer Zeit, in welcher die Verbundslandschaft im Umbruch ist, sollte diese Frage neu diskutiert werden. Es gibt ein Unbehagen mit fast jeder Software, es gibt immer wieder die Frage, warum diese oder jene Software verwendet wird und auch die Frage, warum offenbar bevorzugt proprietäre Software eingesetzt wird.

Zudem ist das Argument technisch in Frage zu stellen. Kurz dargelegt [8]: Ausgestattet mit klar dokumentierten Schnittstellen sind unterschiedliche Bibliothekssysteme miteinander kombinierbar, es ist auch möglich, eine Anzahl von Systemen in eine Verbundsschicht zu integrieren, welche den Austausch von Katalogdaten ermöglichen und einen Verbunds-eigenen OPAC zur Verfügung stellen könnten. Eine solche Lösung würde den Bibliotheken, die ein Interesse an einem bestimmten System haben, die notwendige Flexibiblität geben, gleichzeitig würde es die relative Machtstellung, welche einzelne Anbieter heute pro Verbund faktisch inne haben, reduzieren. Eine Lösung mit mehreren Systemen pro Verbund würde die Konkurrenz der Anbieter von Bibliothekssystemen verstärken, was zu besseren Systemen und einer erhöhten technischen Kompetenz in den Bibliotheken führen könnte. Allerdings bietet ein einheitliches System wohl einfacher zusätzliche Funktionen, wie zum Beispiel die Verbundausleihe, einheitliches Benutzerkonto oder Kurierdienste. Diese Aspekte waren auch der Grund für die Zusammenlegung des Verbunds der Universität Zürich mit dem NEBIS-Verbund im Rahmen des Projekts „Inuit“. [9] Und gerade für kleinere Bibliotheken scheint es wenig sinnvoll, wenn sie versuchen, ein eigenes Bibliothekssystem zu betreiben.

Es gibt denn auch Argumente für ein zentral betreutes System, insbesondere die zentrale Pflege und Datenhaltung sowie die Möglichkeit, als Gesamtverbund mit Änderungsforderungen an den jeweiligen Anbieter heranzutreten.

Man kann noch einen Schritt weiter gehen: Die Entwicklung hin zu cloudbasierten Bibliothekssystemen dürfte nicht aufzuhalten sein. In Deutschland fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Projekt mehrerer Bibliotheksverbünde, das ganz auf die cloudbasierten Bibliothekssysteme der zwei grossen kommerziellen Anbieter setzt. [10] Die Richtung ist klar, aber wären cloudbasierte Systeme auch unabhängig von kommerziellen Anbietern und mit nationaler Speicherung der Daten möglich? Das Veränderungspotential solcher Lösungen ist gewaltig. Sie werden die Verbundslandschaft weiter umpflügen und die Arbeit in den Bibliotheken, insbesondere in der Katalogisierung, nachhaltig verändern. Gerade deshalb ist eine offene Diskussion unter Berücksichtigung aller Aspekte von grosser Bedeutung.

6. Wer bezahlt was?

Die Bibliotheksverbünde in der Schweiz werden grundsätzlich von den beteiligten Bibliotheken finanziert. Gleichzeitig geht die Förderung von Kantonen und Bund im Kultur- und Wissenschaftsbereich heute eher dahin, grössere Strukturen zu fördern. Mehr und mehr scheint in der Politik die Auffassung vorzuherrschen, dass Institutionen und Infrastruktureinrichtungen sich untereinander verständigen und dann gemeinsam über eine koordinierende Stelle angesprochen und gefördert werden sollen. Das aktuelle SUK-Programm P-2 ist dafür nur ein Beispiel. [11] Auch diese Frage sollte diskutiert werden.

Wenn Bibliotheken diese Förderlandschaft akzeptieren, müssen sie für möglichst grosse Verbünde oder aber eine Einrichtung, die möglichst alle Verbünde organisiert, sorgen. Wenn Bibliotheken eher zu kleineren Verbünden tendieren – und auch für diese gibt es Argumente – müssen sie die Finanzierung dieser Verbünde anders sicherstellen. Sie laufen dann aber Gefahr, dass die Förderung von Infrastrukturen, die bei Bibliotheken angesiedelt werden können, anderweitig vergeben werden, wenn sie nicht aktiv gegensteuern. Auch hierfür ist das aktuelle SUK-Programm ein Beispiel, bei dem Strukturen des Forschungsdatenmanagements an Universitäten aufgebaut werden, aber eventuell gerade nicht an den Hochschulbibliotheken. Ähnliche Programme werden in den nächsten Jahren mit Wahrscheinlichkeit für weitere Bereiche entstehen.

7. Fazit: Aufforderung zur Diskussion

Die Verbundslandschaft der schweizerischen Bibliotheken befindet sich offenbar im Umbruch. Wir haben in diesem Text noch nicht thematisiert, welche Gründe es dafür gibt, obwohl auch dies eine interessante Fragestellung darstellt. Vielmehr haben wir versucht, die einzelnen Punkte, an denen Diskussionen um die zukünftige Verbundslandschaft ansetzen können, herauszuarbeiten und erste Argumente für unterschiedliche Positionen zusammenzutragen.

Diese Liste ist gewiss nicht vollständig, beispielsweise haben wir die zukünftigen Formen der Katalogarbeit oder Metadatenformate nicht thematisiert, die in diesen Zusammenhang gehören, aber weitere bibliothekspolitische Minenfelder darstellen. Wir wollen den Text vor allem als Aufforderung zur Diskussion in den bibliothekarischen Medien, Kommunikationskanälen und Einrichtungen verstanden wissen.

Sinnvoll wäre für eine solche Diskussion, wenn die Beteiligten auch über ihre Erfahrungen mit den heutigen Verbünden berichten. Nur so kann sichtbar werden, was an der heutigen Landschaft gut ist und was Veränderung bedarf.

Offensichtlich ist, dass die Bibliotheken in der Schweiz in einigen Jahren eine andere Verbundslandschaft haben werden als heute. Eine offene Diskussion über diese Entwicklung wird eine gezielte Steuerung dieser Veränderungen ermöglichen. Wir denken, dass eine offen diskutierte Neugestaltung der Verbundslandschaft kurz- und langfristig die bibliothekarische Versorgung der Nutzerinnen und Nutzer verbessern wird. Dies sollte, bei allen unterschiedlichen Meinungen, ein Ziel sein, auf das sich alle Bibliotheken einigen können.

Die anstehenden Veränderungen bieten Risiken und Chancen. Wir möchten dazu auffordern, das Thema aktiv anzugehen und die sich bietenden Chancen wahrzunehmen. Dieser Artikel soll dazu den Anstoss geben. Wir könnten uns unter anderem vorstellen, die Fragen gemeinsam mit Bibliotheksvertreterinnen und -vertretern öffentlich an einem runden Tisch zu diskutieren. Rückmeldungen über soziale Medien sind sehr erwünscht. Wir denken, dass die Kolleginnen und Kollegen der HEG Genève in dieser Diskussion eine ähnlich vermittelnde Rolle einnehmen können wie die HTW Chur. Beide Hochschulen sind an der Verbundslandschaft interessiert, aber nicht aktiv involviert.

Der Berufs- und Dachverband „Bibliothek Information Schweiz“ ist bereit, bei dieser Diskussion eine aktive Rolle zu spielen und organisiert im Rahmen der Weiterbildung im Herbst 2014 eine Fachtagung zum Thema „Bibliotheksverbünde wohin?“. Wir hoffen, dass die Gelegenheit von vielen Interessierten und Betroffenen wahrgenommen wird.

[1] Vgl. http://www.crus.ch/information-programme/projekte-programme/isci.html (Stand: 28.05.2014).

[2] Vgl. http://www.crus.ch/dms.php?id=29098 (Stand: 28.05.2014).

[3] Vgl. dazu zum Beispiel die Beiträge im Heft 1/2014 der ZfBB http://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jpvolume_00198187 (Stand: 28.05.2014), dem Bibliotheksdienst 3-4/2014 oder der Bibliothek Forschung und Praxis 3/2013.

[4] Projekt „Cloudbasierte Infrastruktur für Bibliotheksdaten (CIB)“ http://www.kobv.de/fileadmin/download/diverse_dateien/DFG_1_Projektantrag_CIB_oeffentlich.pdf (Stand: 28.05.2014).

[5] So die Präsentationen anlässlich des BIS-Kongresses 2012 in Konstanz http://www.informationsverbund.ch/704.0.html (Stand: 28.05.2014).

[6] Zur Transparenz möchten wir hier noch festhalten, dass die Bibliothek der HTW Chur – aber nicht das Schweizerische Institut für Informationswissenschaft, dem wir zugeordnet sind – Mitglied des NEBIS-Verbundes ist.

[7] Deutschland führt zum Beispiel nur für die Wissenschaftlichen Bibliotheken sechs Verbünde, was immer wieder zu Diskussionen um deren Aufgaben, der Politik untereinander und in Bezug auf die Bibliotheken führt, welche allerdings auch die Entwicklung der Verbünde vorantreiben, während Österreich nur einen Verbund für die Wissenschaftlichen Bibliotheken führt. Eindeutige Hinweise, welche Lösung sinnvoller ist, ergeben sich daraus nicht.

[8] Für eine genauere Darstellung unterschiedlicher Aufgaben der Verbundskataloge und Metadatenarbeit der Verbünde vgl. Viegener 2013.

[9] Vgl. http://blogs.ethz.ch/inuit/ (Stand: 28.05.2014).

[10] Vgl. Diedrichs u.a. 2014; Risch 2014; Albrecht u.a. 2013. Vgl. auch Anmerkung 4 zum Projekt CIB.

[11] Dies wurde in der von der Universitätskonferenz CRUS abgenommenen Strategie zum SUK-Programm noch einmal bekräftigt. Vgl. http://www.crus.ch/dms.php?id=29357 (Stand: 28.05.2014).

Literatur

Albrecht, R., Ceynowa, K., Degkwitz, A., Kende, J., Koch, T., Messmer, G., Risch, U., Rusch, B., Scheuerl, R. und Voss, M. (2013). Cloudbasierte Infrastruktur für Bibliotheksdaten – auf dem Weg zu einer Neuordnung der deutschen Verbundlandschaft. In: Bibliothek Forschung und Praxis 37.3, 279–287. DOI: 10.1515/bfp-2013-0044.

Diedrichs, R., Schomburg, S. und Conradt, V. (2014). Die Neuausrichtung überregionaler Verbundsysteme – die Zukunft der Bibliotheksinfrastruktur in der Cloud. In: Bibliotheksdienst 48.3, 217–224. DOI: 10.1515/bd-2014-0029.

Risch, U. (2014). Cloudbasierte Infrastruktur für Bibliotheksdaten – Kernelemente und aktueller Entwicklungsstand. In: Bibliotheksdienst 48.3, 225–235. DOI: 10.1515/bd-2014-0030.

Viegener, T. (2013). Die Schweizer Verbundlandschaft – ein Hemmnis für die Entwicklung der Bibliotheken? In: 027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 1.2, 74–80. DOI: 10.12685/027.7-1-2-29.

Dr. Karsten Schuldt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft (SII) der HTW Chur, Tel. +41 (0)81 286 37 18, E-Mail: karsten.schuldt@htwchur.ch

Dr. Rudolf Mumenthaler ist Professor für Bibliothekswissenschaft am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft (SII) der HTW Chur, Tel. +41 (0)81 286 37 19, E-Mail: rudolf.mumenthaler@htwchur.ch