Editorial

027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 1,2 (2013): Die Farbe des Katalogs, S. 43-46.

DOI: 10.12685/027.7-1-2-25

ISSN: 2296-0597

Editorial: Die Farbe des Katalogs

Bernhard Herrlich, Andreas Ledl, David Tréfás

Die Farbe des Katalogs gibt es sicherlich nur, wenn man an bestimmte Exemplare denkt. So sprechen wir an der Universitätsbibliothek Basel zum Beispiel von „swissbib grün“ [1] (R: 50, G: 205, B: 15 / #32CD0F), um damit salopp den Metakatalog der Schweizer Hochschulbibliotheken und der Schweizerischen Nationalbibliothek zu bezeichnen. Unser eigenes Derivat „swissbib Basel Bern“ [2] nennen wir umgangssprachlich „swissbib orange“ (R: 246, G: 140, B: 0 / #F68C00), in der Hoffnung, dass immer klar ist, über welches „swissbib“ gerade gesprochen wird. Schliesslich existierte bis vor kurzem auch noch „swissbib (hell)blau“ (R: 18, G: 175, B: 239 / #12AFEF) als kooperatives Suchportal von Universität und Zentralbibliothek Zürich. [3]

Farbe kann also identitätsstiftend für Online-Kataloge und die dahinter stehenden Bibliotheken oder gar Träger (zum Beispiel als Anspielung auf das Zürcher Kantons- bzw. Stadtwappen) wirken und gleichzeitig virtuelle Suchräume voneinander abgrenzen. Entsprechend ernst sollte man im bibliothekarischen Webdesign die farbliche Gestaltung von Internet-Seiten nehmen. Gerade bei Produkten für studentische BenutzerInnengruppen, wie es Online-Kataloge von Hochschulbibliotheken zweifellos sind, steht aus Usability-Gesichtspunkten die Farbwahl zusammen mit den Schriftarten an erster Stelle (vgl. Nathan/Yeow 2009). Ein Recherchewerkzeug assoziiert dann je nach Couleur und selbstverständlich kulturell bedingt zum Beispiel die Hoffnung auf viele relevante Treffer (grün), eine lebendige und moderne Institution im Hintergrund (orange) oder leichte Bedienbarkeit und transparente Ergebnisse (hellblau) (vgl. Bartel 2003; Balzert/ Klug/Pampuch 2009).

Gerade die heutigen „Next Generation Library Catalogues“ (NGC) sind es aber auch, welche dafür sorgen, dass eher traditionell ausgerichtete Kolleginnen und Kollegen bei der Suche mitunter ihr blaues Wunder erleben oder angesichts der Resultate rotsehen – was seit Jahren zu „heated discussions“ (Yang/ Hofmann 2011:267) führt.

Mindestens so wichtig wie die Farbe ist also auch das jeweilige Produkt selbst – und hier entpuppt sich die Kataloglandschaft in mehrerer Hinsicht als sehr bunt.

Es herrscht zum Beispiel ein Überangebot an Bezeichnungen für Bibliothekskataloge. Terminologisch lassen sich grob drei Typen – gewissermassen Färbungen – unterscheiden:

  1. Unter dem klassischen OPAC versteht man das nur wenig anpassbare Front-End eines proprietären Integrierten Bibliothekssystems. Der OPAC kommt mehr und mehr aus der Mode und wird häufig nur noch als „Zweitkatalog“ im Hintergrund präsentiert, um Suchen mithilfe von Browse-Indices oder Expertensprache weiterhin zu ermöglichen beziehungsweise „Old school-User“ nicht zu verprellen.
  2. Federated Search-Systeme benutzen Software, um mit einer einzigen Suchabfrage gleichzeitig mehrere bibliographische Datenbanken, OPACs, Suchmaschinen und sonstige Datenkollektionen zu durchsuchen. Vor nicht allzu langer Zeit noch als „Quick Search Holy Grail“ (Boock/ Nichols/Kristick 2006) gefeiert, sind auch sie aufgrund der Heterogenität der durchsuchten Informationsquellen und daraus resultierender undurchschaubarer Trefferlisten etwas ins Hintertreffen geraten (vgl. Fagan 2011).
  3. „Web-Scale Discovery System“, „Discovery Service“, „Discovery Tool“, „Discovery Layer“, „Discovery Interface“ oder „Library Portal“ – es gibt viele Begriffe für eine Katalogoberfläche, die einen Sucheinstieg bietet, der, mit Suchmaschinentechnologie ausgerüstet, aufgrund einer Anfrage lediglich einen riesigen oder jedenfalls wenige Indices [4] parallel durchforstet. Gegenwärtig scheint für Bibliotheken an dieser Variante des NGC kein Weg vorbei zu führen.

Es herrscht ebenso ein grosses Angebot an kommerzieller und Open Source-Software zur Konzeption von Bibliothekskatalogen hauptsächlich der dritten Art. Von vorgefertigten Komplettlösungen bis hin zu vollständigen Eigenentwicklungen – und natürlich dem hybriden Graubereich dazwischen – kann man bei den BenutzerInnenschnittstellen von Bibliotheken das gesamte Spektrum beobachten.

Wird angesichts dessen nicht – so könnte man ganz generell fragen – mit der Rede vom „Bibliothekskatalog“ sprachlich versucht zu übertünchen, dass es sich dabei um eine anachronistische Reminiszenz handelt? Müssten wir inzwischen nicht konsequent von „Bibliothekssuchmaschinen“ sprechen (vgl. Bertelmann/Herm/Höhnow/Volz 2007), mit denen herkömmliche Bibliothekskataloge längst nicht mehr konkurrieren können (vgl. Lewandowski 2006)?

Die in diesem Heft versammelten Artikel beschäftigen sich mit unterschiedlichen Schattierungen der Einführung neuer Technologien. Es wird deutlich, dass es sich dabei keineswegs um ein lediglich technisches Problem handelt, sondern sowohl kulturelle als auch strukturelle Gegebenheiten berücksichtigt werden müssen. Dadurch ergibt sich ein Mosaik von Meinungen, Kritiken und Möglichkeiten.

In ihrer Untersuchung zum Einfluss von Discovery Systemen auf die Vermittlung von Informationskompetenz (IK) geht Dörte Böhner auf die veränderten BenutzerInnengewohnheiten und auf die Konsequenzen, die sich für die Vermittlung von IK in wissenschaftlichen Bibliotheken ergeben, ein. Discovery Syteme wurden auch gerade deswegen entworfen, um den Studierenden mit einem „Google-like“-System einen einfachen Sucheinstieg zu den elektronischen Bibliotheksangeboten zu liefern. Mit der Einführung einer intuitiven Suche stehen in der Vermittlung von IK nicht mehr die analytisch-systematischen Vorgehensweise im Vordergrund, welche zur erfolgreichen Bedienung eines Katalogs oder einer Datenbank befähigen, sondern die Bewertung und der Umgang mit dem Gefundenen. Nichtsdestotrotz gilt es auch bei der IK-Vermittlung auf Basis von Discovery Systemen auf technische Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen, die eine weitergehend intuitive Nutzung stören können. Letztlich verschiebt sich aber damit in der IK-Vermittlung der Schwerpunkt weg vom Suchmittel hin zum Gesuchten. Discovery Syteme verbessern dabei nicht die IK der User, im Rahmen der IK-Vermittlung werden aber Freiräume für die tiefergehende Behandlung relevanter Themen wie die Bewertung, das Zitieren sowie die Verarbeitung von Literatur geschaffen.

An die Kritik besonders am Relevanz-Ranking von Discovery Systemen schliesst Alice Spinnler-Dürr mit einer Betrachtung allgemeiner gesellschaftlicher Entwicklungen an. Als Hintergrund nennt sie die Algorithmisierung unserer Welt durch einschlägig bekannte Suchmaschinen. Während die einfache Handhabung dieser Tools und die damit einhergehende Erleichterung der Suche positiv zu Buche schlagen, sind die nicht offensichtlichen Eingriffe dieser Suchmaschinen in unsere Wahrnehmung heikel. Angesichts zum Teil unbekannter zugrundeliegender Algorithmen bestimmen solche Maschinen, welchen Ausschnitt der Welt wir zu sehen bekommen, und greifen damit nicht unwesentlich in den Erkenntnisprozess der Suchenden ein. Dem gegenüber stehen die offensichtlichen Mängel der in die Jahre gekommenen OPACs. Für diese statuiert Spinnler-Dürr insbesondere bei ungeübten NutzerInnen mittlerweile ein gehöriges Mass an Frustration, was damit zusammenhängt, dass die Erwartung einer einfachen Bedienbarkeit nicht erfüllt wird. Als Lösung setzt sie sich für den OPAC2000plus ein, der das Beste beider Welten vereinen soll.

Kritisch betrachtet werden Discovery Syteme auch von Carl Grant. Er skizziert die Entwicklung vom OPAC über die Federated Search hin zu den Discovery-Instrumenten, welche er als Anpassung an geändertes BenutzerInnenverhalten versteht. In der Konkurrenz zu Google und anderen Suchmaschinen müssen Bibliotheken aber eingestehen, dass die BenutzerInnen genau diese privaten Angebote als Ausgangspunkt für ihre Suche beibehalten werden und die Bibliotheken diesen Kampf nicht gewinnen können. Da Bibliotheken also im technologischen Wettbewerb unterliegen, schlägt Grant vor, diesem mit einer „Blue Ocean Strategy“ auszuweichen. Denn dadurch kann ein Mehrwert für BenutzerInnen entstehen, insbesondere mit der Schaffung einer Knowledge Creation Platform. Diese Plattform verbindet und unterstützt so unterschiedliche Elemente wie Discovery, soziale Medien , bibliothekarische Vermittlung und Verknüpfung von Inhalten, vorausschauende und proaktive Dienstleistungen, integrierte Instrumente für die Schaffung neuer Inhalte, kontextabhängige Unterstützung und die Möglichkeit, Zufallsfunde zu machen. Bibliotheken gingen damit einen grossen Schritt über die Möglichkeiten von aktuellen Suchmaschinen hinaus.

Ein strukturelles Grundproblem bei der Einführung von neuen Suchtechnologien, das auch bei Dörte Böhner angesprochen wird, bildet den Fokus des Beitrags von Tobias Viegener. Er geht in seiner Analyse der Schweizer Verbundlandschaft davon aus, dass die Struktur von Verbundlandschaften bahnbrechende technologische Entwicklungen verunmöglichen können. Seiner Ansicht nach sind in aktueller, schweizerischer Sicht Metasuchmaschinen als Umgehungslösungen für tieferliegende, strukturelle Probleme zu verstehen. Diese sind zu verorten in der Vorhaltung verschiedener Metadatenpools und der stark fragmentierten Organisationsstruktur. Viegener zieht etliche Parallelen zur Umstellung von Regelwerk, Format und Bibliotheksverwaltungssoftware vor etwas mehr als 20 Jahren. Dies ist durchaus im Zusammenhang mit der Organisation von Bibliotheken zu sehen, da ein Konnex zu den benötigten Personalressourcen besteht. Viegener plädiert für eine öffentliche und vorbehaltlos geführte Diskussion der zukünftigen Metadatenstruktur – mit einem Appell zu mehr Monochromie.

Dass die Entwicklung neuer Kataloge von der lokal herrschenden Verbundstruktur geprägt ist, zeigt auch Heloisa Helena Anzolin am Beispiel Brasiliens. Aus dem Artikel geht hervor, dass bereits die Errichtung von Verbünden eine grosse Herausforderung darstellt. Sie bildet jedoch geradezu die Grundlage für ansprechende Katalogentwicklungen. Brasilien ist in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse. Das Land war in den letzten Jahrzehnten darum bemüht, eine eigene Software-Industrie aufzubauen, eine Open Source-Industrie, um im Informatikbereich von internationalen Grossfirmen unabhängig zu werden. Dies gilt auch für den Aufbau des brasilianischen Bibliothekswesens. Diese Strategie bietet Chancen und Grenzen zugleich. Es eröffnet sich die Chance, das Knowhow selbst zu erarbeiten und den interessierten Kreisen kostenlos oder günstig zur Verfügung zu stellen. Damit entsteht eine gewisse Nähe von Softwareentwicklung und Nutzerinteresse. Insbesondere das „Pergamum“-Netzwerk ist demokratisch aufgebaut. Die an der Katalogsoftware „Pergamum“ partizipierenden Institutionen sind so organisiert, dass sie über kurze Wege Fehler und Entwicklungswünsche anbringen können. Doch die Grenzen sind unverkennbar. So gilt heute der OPAC als vorläufig letzter Entwicklungsschritt, neuere Discovery Systeme scheinen entweder noch nicht berücksichtigt oder einstweilen verworfen worden zu sein. Die demokratische Struktur insbesondere des „Pergamum“-Netzwerks lässt aber darauf schliessen, dass die NutzerInnenschaft auch mit dem OPAC gut leben kann.


[1] http://www.swissbib.ch [Stand: 11.09.2013].

[2] http://baselbern.swissbib.ch/ [Stand: 11.09.2013].

[3] Auch an der UB Tübingen spricht man zum Beispiel vom „roten“, aktuellen Bibliothekskatalog und dem „blauen“, alten OPAC. Vgl. http://www.ub.uni-tuebingen.de/suchen-ausleihen/kataloge.html [Stand: 11.09.2013].

[4] Bei swissbib Basel Bern werden zum Beispiel die Tabs „Bücher & mehr“ und „Artikel & mehr“ angeboten, wobei ersterer ein bibliothekseigener und letzterer ein kommerzieller Index ist.


Literaturverzeichnis

BALZERT, HEIDE / KLUG, UWE / PAMPUCH, ANJA (2009): Webdesign und Web-Usability. Basiswissen für Web-Entwickler. Herdecke, Witten: W3L.

BARTEL, STEFANIE (2003): Farben im Webdesign. Symbolik, Farbpsychologie, Gestaltung. Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag.

BERTELMANN, ROLAND / HERM, KARIN / HÖHNOW, TOBIAS / VOLZ, SIBYLLE (2007): Bibliothekssuchmaschine statt Bibliothekskatalog. In: Bibliotheksdienst 41,12. S. 1302-1306. Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1515/bd.2007.41.12.1302.

BOOCK, MICHAEL / NICHOLS, JANE / KRISTICK, LAUREL (2006). Continuing the Quest for the Quick Search Holy Grail: Oregon State University Libraries’ Federated Search Implementation. In: Internet Reference Services Quarterly 11,4. S. 139-153. Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1300/J136v11n04_09.

FAGAN, JODY C. (2011). Federated Search is Dead – and Good Riddance! In: Journal of Web Librarianship 5,2. S. 77-79. Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1080/19322909.2011.573533.

LEWANDOWSKI, DIRK (2006): Suchmaschinen als Konkurrenten der Bibliothekskataloge. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 53,2. S. 71-78.

NATHAN, ROBERT J. / YEOW, PAUL H. P. (2009): An Empirical Study of Factors Affecting the Perceived Usability of Websites for Student Internet Users. In: Universal Access in the Information Society 8,3. S. 165-184. Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/s10209-008-0138-8.

YANG, SHARON Q. / HOFMANN, MELISSA A. (2011): Next Generation or Current Generation?: A Study of the OPACs of 260 Academic Libraries in the USA and Canada. In: Library Hi Tech 29,2. S. 266-300. Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1108/07378831111138170.