Endstation Fitnessstudio? Die Situation der britischen Bibliotheken im Nachhall der Finanzkrise

Endstation Fitnessstudio? Die Situation der britischen Bibliotheken im Nachhall der Finanzkrise

Lennart Güntzel

Leiter der Fachstelle Fachreferate und Fachreferent für Geschichte, Universitätsbibliothek Bern, Email: <firstname.lastname>@ub.unibe.ch

Abstract

Der Artikel beleuchtet die Sparmassnahmen in Grossbritannien seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 und ihre Auswirkungen auf das Bibliothekswesen. Nach der Regierungsübernahme der Konservativen Partei 2010 wurde ein rigoroses Sparprogramm initiiert, das die verschiedenen Bibliothekstypen in unterschiedlichem Maße betraf: Für die kommunal finanzierten Public Libraries hatten sie verheerende, teils existenzielle Auswirkungen, die Nationalbibliotheken waren ebenfalls stark, wenn auch unterschiedlich betroffen. Die Universitätsbibliotheken hingegen kamen etwas besser durch die Krise, vor allem weil ihre Trägerorganisationen die fehlenden staatlichen Mittel durch die Erhöhung von Studiengebühren ausgleichen konnten.

The article analyzes the impact of the Austerity Programme on the different types of libraries of the United Kingdom, initiated by the Conservative Party in 2010. For the Public Libraries it had severe consequences that resulted in closings in many cases. While the development of the National Libraries wasn’t totally equal, they suffered budget cuttings and staff reduction as well, while the University Libraries went through the crisis quite unharmed, mainly because their mother organizations managed to compensate cuttings of public funding by raising tuition fees.

1 Einleitung

Wenn gespart werden muss, werden Bibliotheken zumeist nicht davon ausgenommen. Auch das lange Zeit als vorbildlich geltende Bibliothekswesen Großbritanniens [1] hat inzwischen eine lange Tradition des Sparens hinter sich, musste sich immer wieder neu erfinden und mit knappen Mitteln in einem sich rasch verändernden Umfeld behaupten. Doch seit der Finanzkrise von 2008 haben sich diese Probleme, mit denen in ähnlicher Form wohl die meisten Bibliotheken weltweit konfrontiert sind, derart verschärft, dass sich eine genauere Betrachtung lohnt. Als Reaktion auf ein explodierendes Haushaltsdefizit startete Grossbritannien 2010 eine radikale und drastische Sparpolitik, die das Bibliothekswesen bis heute vor existenzielle Herausforderungen stellt.

Im Folgenden wird also die Situation des Bibliothekswesens von Grossbritannien seit dem Start der Austeritätspolitik 2010 unter die Lupe genommen: Wie haben britische Bibliotheken die Finanzkrise und die Sparpolitik der Regierung überstanden, wie ist der Ausblick in die Zukunft? Dabei ist es sinnvoll, die verschiedenen Bibliothekstypen einzeln zu betrachten, da die Auswirkungen bei den Public Libraries anders sind als bei den wissenschaftlichen Bibliotheken, wobei hier nochmals zwischen Nationalbibliotheken und Universitätsbibliotheken unterschieden werden muss.

2 Austeritätspolitik in Grossbritannien

Grossbritannien wurde von der Finanzkrise 2008 hart getroffen. Nachdem die Wirtschaft 2009 um über 4% geschrumpft war (The World Bank 2017) und die Konservative Partei 2010 bei der Parlamentswahl die Regierung übernommen hatte, wurde eine rigide Sparpolitik initiiert, um das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen. Hatte dieses 2008 noch £9 Mrd. betragen, wuchs es durch die Auswirkungen der Finanzkrise bis 2010 auf £100 Mrd. (UK Public Spending 2019) Als Reaktion wurde das Haushaltsbudget radikal zusammengestrichen (dies unter dem wohlklingenden Slogan responsibility, freedom, fairness); bis 2014 mussten £17 Mrd. bei den öffentlichen Ausgaben eingespart werden. (HM Treasury 2010)

Während das Gesundheitssystem und der Bildungssektor weitgehend von den Sparmassnahmen ausgenommen wurden, traf es vor allem die Sozialausgaben: Wohlfahrtsprogramme und sozialer Wohnungsbau wurden heruntergefahren, aber auch Ausgaben für Polizei und Gefängnisse, Strassenerhaltung und weitere öffentliche Einrichtungen gesenkt. Ideologisch begleitet wurden diese Sparmassnahmen von der Idee, die Gesellschaft würde in Form von Freiwilligenarbeit die Lücken schliessen und ein neuer Gemeinschaftsgeist durchs Land gehen – die sogenannte Big Society sollte angeblich verkrustete Strukturen der Verwaltung aufbrechen und den Gemeinsinn der Bürger stärken. [2]

Nachdem für 2018 ein fast ausgeglichener Haushalt erreicht wurde, verkündete Schatzkanzler Philip Hammond im Oktober 2018, die Austeritätspolitik würde ab dem Jahr 2019 zu einem Ende kommen und die öffentlichen Ausgaben erstmals seit 2010 wieder steigen. (Vgl. bspw. Kuenssberg 2018) Kritiker bemängeln allerdings, dass sein Haushaltsentwurf primär Steuererleichterungen beinhalteten und an den massiven sozialen Problemen kaum etwas ändern werde. (Vgl. Zastrial 2018; Knight 2018) Zudem ist aufgrund des unklaren Fortgangs des Brexit ohnehin schwer kalkulierbar, wie sich die staatlichen Einnahmen künftig entwickeln werden – mit wirtschaftliche Turbulenzen muss wohl zumindest kurzfristig gerechnet werden.

War die Sparpolitik nun erfolgreich? Befürworter verweisen auf den 2019 erstmals ausgeglichenen Staatshaushalt (UK Public Spending 2019) sowie auf die gesunkene Staatsquote [3] und sehen Grossbritannien durch diese Zahlen besser für die Zukunft gerüstet. Kritiker verweisen dagegen auf die verheerenden Konsequenzen für weite Teile der Gesellschaft. Der UN-Sonderbeauftragte für extreme Armut und Menschenrechte, Philip Alstrom, urteilte im November 2018 in einen Bericht, die Austeritätspolitik habe unnötiges Elend über Millionen von Menschen gebracht. [4] Die New York Times beschrieb in einer Reportage vom Mai 2018, Grossbritannien sei nach acht Jahren Sparpolitik mit einem geschrumpften Wohlfahrtsstaat und wachsender Armut den USA inzwischen ähnlicher als dem Rest Europas. (Vgl. Goodman 2018)

3 Die Auswirkungen auf die Public Libraries

Die Public Libraries Großbritanniens galten einst als vorbildlich für den Rest der Welt, mit rechtlich festgelegten Rahmenbedingungen, einem modernen Angebot und einem dichten Filialnetz. Seit dem Public Libraries and Museums Act von 1964 sind die Gemeinden dazu verpflichtet, einen umfassenden und effizienten Bibliotheksservice bereitzustellen, wobei der Bestand die Bedürfnisse der Nutzerschaft befriedigen muss. [5]

Die Public Libraries haben jedoch schon lange damit zu kämpfen, diesem Anspruch gerecht zu werden. Seit den 1980er Jahren, als ähnlich wie heute die öffentlichen Ausgaben zusammengestrichen wurden, kämpfen sie mit sinkenden Etats, aber auch mit den veränderten Erwartungen der Nutzerschaft. Allein zwischen 2003 und 2008, also kurz vor der eigentlichen Krise, verloren die Public Libraries knapp 20% ihrer Nutzer. Im gleichen Zeitraum wurde das Personal um 6,5% heruntergefahren, wobei der Verlust vor allem bei den gut ausgebildeten und dementsprechend teureren Information Specialists besonders hoch ausfiel. (Vgl. Akbar 2009)

Als Grossbritannien nun aufgrund der besonders stark ausgebauten Finanzwirtschaft von der Finanzkrise 2008 noch härter als andere vergleichbare Industrienationen getroffen und ab 2010 das Haushaltsbudget radikal zusammengestrichen wurde, traf dies die Public Libraries und auch alle anderen öffentlichen Einrichtungen hart. In den Kommunen, die die Sparregeln der Regierung umsetzen müssen, steht seitdem alles auf dem Prüfstand: Gemeindezentren und Schwimmbäder werden geschlossen, Gemeindegut veräußert, sogar öffentliche Parkanlagen stehen zum Verkauf. [6] Bibliotheken sind also nur ein Opfer unter vielen.

2016 startete die BBC eine Analyse zur Situation der Public Libraries . [7] Von 4’290 kommunal geführten Bibliotheken waren nur noch 3’765 übrig. 343 Bibliotheken waren geschlossen, andere an Freiwilligengruppen übertragen worden, 111 Schliessungen waren für 2017 geplant. Der Trend setzte sich weiter fort: Bis Ende 2018 verschwanden weitere 130 Bibliotheken. (Vgl. Cain 2018) Bei der Welle an Schliessungen überrascht es nicht, dass auch im Personalbereich drastisch gespart wurde: Gab es 2010 knapp 32’000 bezahlte Stellen, waren es 2016 nur noch 24’000 – ein Rückgang von 25%. Interessanterweise fiel der Rückgang in den verschiedenen Landesteilen höchst unterschiedlich aus: Während er in England mit über 25% am höchsten war, betrug er in Schottland nur 3%. Auf diesen Befund wird beim Vergleich der Situation der Nationalbibliotheken noch zurückzukommen zu sein. Erhebungen des Carnegie Trust von 2016 haben jedenfalls ergeben, dass die Akzeptanz für Public Libraries in England und Schottland fast identisch hoch ist. (Vgl. Peachey 2016)

Der Rückgang an professionellem Personal verstärkte den Trend, auf Ehrenamtliche auszuweichen – im Prinzip ein Kernelement der von der Regierung propagierten Big Society. Gab es 2010 nur „eine Handvoll“ komplett durch Freiwillige geführte Bibliotheken, waren es 2017 etwa 500. (Vgl. Anstice 2017) Lokal kann dies natürlich den positiven Effekt haben, dass zur Schliessung vorgesehene Bibliotheken überleben und Ausfälle in Öffnungszeiten kompensiert werden. Doch für die Qualität der Arbeit verheißt der Trend nichts Gutes: Das öffentliche Bibliothekswesen wird deprofessionalisiert, Vernetzung in Berufsverbänden und Weiterbildung finden nicht mehr statt, neue Trends und Weiterentwicklungen in der Bibliothekswelt bleiben unbekannt. Und Bibliothekare werden massenhaft arbeitslos. Bibliotheksvertreter sprechen von einem Ende der Public Libraries und einer Auflösung des ganzen Bibliothekssystems. (Vgl. Swaffield 2017)

Obgleich die Situation vielerorts dramatisch ist, gibt es dennoch einige Beispiele, die zeigen, dass man auch in einem derart schwierigen Umfeld Erfolg haben kann. Einige Public Libraries widersetzen sich dem allgemeinen Trend des Niedergangs und verzeichnen trotz sinkender Mittel steigende Besucherzahlen, sie bieten innovative und ungewöhnliche Angebote. Ein Beispiel mag dies illustrieren.

Im südwalisischen Bezirk Neath Port Talbot (NPT) richteten die örtlichen Public Libraries sogenannte Techclubs ein, in denen Kinder Lego Mindstorm Roboter bauen und programmieren lernen. Ziel ist, sie für die STEM-Fächer zu begeistern. Das Bibliothekspersonal wurde vorher an der Universität von Swansea in Umgang und Programmierung der Roboter geschult. (Vgl. Carnegie UK Trust 2016) Daneben bieten die Bibliotheken jede Menge anderer Angebote an, vom After School Fun über Family History Tutorial und Cuppa with Coppa, wo man sich bei einer Tasse Kaffee mit einem örtlichen Polizisten „in entspannter Atmosphäre“ austauschen kann. [8] Mangelnde Kreativität, neue Angebote jenseits der reinen Bereitstellung von Medien zu entwickeln, kann man den NPT-Libraries also nicht vorwerfen.

Trotz dieser neuen Wege, die die NPT-Libraries beschreiten, sind auch sie nicht vor Kürzungen und Schliessungen verschont. Bereits 2016 sollten zwei der acht Standorte im County geschlossen werden. Im Dezember 2018 wurden neue Pläne bekannt, wonach weitere vier Zweigbibliotheken vor dem Aus standen. Nach einem öffentlichen Aufschrei und Demonstrationen verschwanden die Pläne vorerst in der Schublade. Bei der Angelegenheit erwies es sich als grosser Vorteil, dass man auf das vielfältige Angebot der Bibliotheken verweisen konnte. (Vgl. Bradfield 2018)

Dieses und weitere Beispiele [9] zeigen, dass sich viele Public Libraries weiterentwickelt haben und einen zentralen Platz in ihrer jeweiligen Gemeinde einnehmen. [10] Dies sichert jedoch nicht zwangsläufig ihr Überleben, wie das Beispiel gezeigt hat – anders als ein Bericht der Regierung glauben machen will, der veröffentlicht wurde, um die eigene Politik zu rechtfertigen. (Vgl. O’Bryan 2018) Im Kern werden dort die Methoden der Datenerhebung zu Public Libraries, die jährlich von der CIPFA (The Chartered Institute of Public Finance and Accountancy) durchgeführt wird, und vor allem die sich daraus ableitenden politischen Schlussfolgerungen kritisiert. Diese lauten in etwa so, dass Budgetkürzungen zu schlechterem Bestand führen würden, was wiederum sinkende Nutzerzahlen erklärt. Der Bericht widerspricht dieser Aussage: Die erfolgreichsten 20% der Public Libraries hätten steigende Nutzerzahlen trotz gekürzter Etats. Fazit: Die Bibliotheken müssten einfach kreativer und innovativer werden, dann kommen auch die Nutzer wieder. Das Beispiel der NPT-Libraries belegt jedoch klar, dass auch erfolgreiche Bibliotheken mit Schliessung bedroht werden. Noch weniger Glück hatte die sehr erfolgreiche und traditionsreiche Carnegie Library im Londoner Bezirk Lambeth, die 2015 mehr als 1,3 Mio. Besucher verzeichnen konnte und in die Kategorie „Erfolgreich trotz sinkender finanzieller Mittel“ fällt. Trotz massiver Proteste wurde sie 2016 geschlossen und zwei Jahre später in eine stark verkleinerte Ausleihbibliothek ohne Personal umgewandelt – ein ganzes Stockwerk wurde zum Fitnessstudio umgewidmet.

Selbst wenn die Austeritätspolitik der Regierung tatsächlich zu einem Ende kommt, blicken die Public Libraries in eine ungewisse Zukunft. Alleine schon, weil mit dem Brexit noch eine grosse Unbekannte im Raum steht, von der niemand weiss, wie sie die Wirtschaft und damit auch die Staatseinnahmen beeinflussen wird.

4 Die Lage der Nationalbibliotheken

Grossbritannien verfügt über drei Nationalbibliotheken: Dabei nimmt die British Library als weltweit eine der grössten und bedeutendsten Bibliotheken einen besonderen Rang ein, während die National Library of Scotland und die National Library of Wales vor allem regionale Bedeutung haben. Sie werden von den Kultusministerien der einzelnen Landesteile finanziert, wobei die British Library ihr Geld direkt vom gesamtstaatlichen Department for Culture, Media and Sport erhält.

Die Einnahmen der Nationalbibliotheken basieren im Wesentlichen aus einem staatlichen Anteil (Grant in Aid) sowie weiteren Einnahmen wie Fundraising, Spendenaktivitäten von Freundeskreisen usw., sowie Gebühren für bestimmte Dienstleistungen. Bei der British Library, die im Prinzip den gesamten Fernleihverkehr Grossbritanniens organisiert und damit ein nicht unbeträchtliches Zusatzeinkommen generiert, beträgt der Anteil des Grants in Aid zwischen 70 und 80% der Gesamteinnahmen.

Die British Library hatte in ihrer kurzen Geschichte (sie wurde 1973 aus mehreren bereits bestehenden Einrichtungen gebildet) schon mehrfach mit grösseren Einsparungen zu kämpfen. Bereits in den 1990er Jahren wurden fast 200 Stellen abgebaut – damals ca. 10% des gesamten Personalbestands – und in diversen Abteilungen Kürzungen vorgenommen. Deshalb und weil es beim Neubau des 1998 bezogenen Standortes zu massiven Problemen und einer Verdreifachung der Baukosten kam, waren die 1990er Jahre echte Krisenjahre. (Vgl. bspw. MacDonald 1996)

Auch in den 2000er Jahren hatte die Bibliothek mit finanziellen Verwerfungen zu kämpfen, auch wenn das Budget von 112 Mio. Pfund im Jahr 2000 bis zum Vorabend der Finanzkrise 2008 auf 141 Mio. Pfund wuchs und die Personalausgaben im selben Zeitraum von £54 auf £65 Mio. stiegen. 2007 kam es beispielsweise zu grossen Protesten, als die British Library als Reaktion auf niedrigere Finanzzuwendungen als erwartet die Nutzung des Lesesaals kostenpflichtig machen wollte. (Vgl. Evening Standard 2007)

Seit der Finanzkrise und dem Start der Austeritätspolitik 2010 muss die British Library mit einem stark gesunkenen Etat zurechtkommen, was unter anderem zu einem massiven Personalabbau geführt hat. [11] Standen der Bibliothek 2010 noch 1’953 Vollzeitäquivalente (VZÄ) zur Verfügung, so sank diese Zahl bis 2016 auf 1’407 – ein dramatischer Rückgang von über 25% in nur sechs Jahren. Inzwischen stieg die Zahl bis 2018 wieder um 100 VZÄ auf 1’507. Das Gesamtbudget ging einen ähnlichen Weg, es sank von £142 Mio (2010) auf £117 Mio. am Tiefpunkt 2016, erholte sich bis 2018 nur leicht auf £120 Mio. Bemerkenswert dabei ist, dass der Rückgang bis 2016 „nur“ 15% betrug – es wurde also übermässig Personal abgebaut, während andere Ausgabenposten verschont blieben. Ebenfalls interessant ist, dass der staatliche Zuschuss genau um diese 15% fiel, sich also konstant zum Gesamtetat verhielt – die übrigen Einnahmequellen, die ja wie gesehen immerhin ca. 30% ausmachen, gingen ebenso zurück. Die genauen Gründe dafür bleiben im Dunkeln, denkbare Erklärungen wären beispielsweise die insgesamt schwierige Wirtschaftslage sowie ein durch den massiven Personalabbau möglicherweise verschlechterter Service. Die Einkünfte aus Serviceleistungen sanken jedenfalls von £22,6 Mio. (2010) auf £16,1 Mio. (2018), was einen Rückgang von fast 30% bedeutet.

Auch die National Library of Wales verdient eine genauere Betrachtung. Hier zeigt sich ein sehr ähnliches Bild wie bei der British Library – sinkende Etats, massiver Stellenabbau. So sank die staatliche Zuwendung um 20% von £13,6 Mio. (2010) auf £10,8 Mio. (2017), bevor sie 2018 wieder auf £13,1 Mio. stieg – ein zwischenzeitlicher Anstieg 2015 erklärt sich dadurch, dass der Bibliothek zusätzliche Geldmittel für Frühpensionierungen zugesprochen wurden. Die Folge ist ein massiver Einbruch bei den VZÄ, die nach der Krise zunächst nur leicht von 276 (2012) auf 267 (2015), dann aber auf 228 (2018) fielen – ein Rückgang von 15% in nur drei Jahren.

Die Stimmung in der National Library of Wales ist dementsprechend. 2016 kam eine Analyse des Welsh Audit Office, das die sinnvolle Verwendung öffentlicher Gelder in Wales überwacht, zu dem Ergebnis, das Vertrauen zwischen der Bibliotheksleitung und der Belegschaft sei aufgrund mangelnder Transparenz zerrüttet, was nicht weiter verwunderlich sei, da die gleichen Dienstleistungen mit wesentlich weniger Personal erbracht werden müssten und zudem das sehr arbeitnehmerfreundliche Pensionsmodell zur Disposition stünde. (Vgl. Thomas 2016) Insgesamt ist also die National Library of Wales in einer ähnlich schwierigen Situation wie die British Library.

Die dritte Nationalbibliothek, die National Library of Scotland, konnte sich dem Trend des Niedergangs weitgehend entziehen. Der Grant in Aid blieb über die ganze Krisenzeit hinweg weitgehend konstant beziehungsweise stieg leicht an (£15,9 (2010), £16,6 (2015), £18,4 (2018)), die VZÄ veränderten sich geringfügig nach unten (-10% zwischen 2010 und 2018). Ein Blick in die Jahresberichte spiegelt die Situation wider: So wird die finanzielle Situation 2014 beispielsweise als satisfactory bezeichnet, auch der Rückblick auf 2018 ist positiv – Hinweise auf Budget Cuts, ein Standardbegriff in den Jahresberichten insbesondere der British Library fehlen völlig.

Der Blick auf die National Library of Scotland zeigt, was bereits bei der Analyse der Kürzungen im Bereich der Public Libraries festgestellt wurde: In Schottland wurden insgesamt andere Schwerpunkte bei der Haushaltskürzung gesetzt. Ob dies tatsächlich an einer höheren Wertschätzung für Bildung in Schottland liegt, wie gelegentlich in den Medien berichtet wurde, muss dahingestellt bleiben. (Vgl. Kedves 2019)

5 Die Entwicklung in den Universitätsbibliotheken

Da die Universitätsbibliotheken nicht direkt vom Staat, sondern von ihren jeweiligen Universitäten finanziert werden, lohnt ein Blick darauf, wie die Universitäten die Finanzkrise überstanden haben. In der Zeit vor der Krise konnten die Universitätsbibliotheken Zuwächse sowohl bei Personalausgaben als auch bei den Medienetats verzeichnen, wenn auch der Anteil im Gesamtetat, den die Bibliotheken bekamen, im Jahrzehnt von 1999 bis 2009 immer geringer wurde – die Bibliotheksetats wuchsen um 31%, während die Etats der Universitäten um 60% stiegen. (Vgl. Gabel 2011:131f; Keller 2013:49f) Generell ist wichtig, dass die staatliche Finanzierung der Universitäten nur eine von mehreren Einnahmequellen ist.

Im Folgenden soll die Finanzlage in der Krisenzeit von 2010 bis 2018 von drei sehr unterschiedlichen Universitätsbibliotheken exemplarisch analysiert werden. [12] Zunächst zu den Bodleian Libraries, dem Bibliothekssystem der University of Oxford. Die Statistik zeigt, dass der Betrag, den die Universität der Bibliothek jährlich überweist, über den gesamten Zeitraum hinweg gestiegen ist: von £25,4 Mio. (2010) über £29,4 Mio. (2014) auf £32,8 Mio. (2018), was eine Steigerung von etwa 22% darstellt. Zum Vergleich: Die Universitätseinnahmen stiegen in diesem Zeitraum um mehr als 30%, obwohl die staatlichen Zuschüsse um knapp 10% sanken. Der Trend, der für den Zeitraum von 1999 bis 2009 festgestellt wurde, setzte sich im neuen Jahrzehnt also auf etwas niedrigerem Niveau fort. Das Personal blieb nach gewissen Schwankungen konstant bei ca. 560 VZÄ.

Nicht ganz so positiv verlief die Krisenzeit an der University Library of Loughsborough, einer sehr kleinen Universitätsbibliothek, die hier zur Analyse ausgewählt wurde, weil sie und ihre Universität einen guten Gegenpart zur reichen und berühmten University of Oxford darstellt und somit repräsentativ für die vielen weniger im Fokus stehenden kleinen Universitätsbibliotheken gesehen werden kann. [13] Ihre Zuweisungen seitens der Universität schwankten von £4,97 Mio. (2010) über £4,65 (2014) auf £4,98 (2017), insgesamt eine Steigerung von ca. 1%, während der Universitätsetat um knapp 20% wuchs. Der Medienetat der Bibliothek stieg von 2010 bis 2017 um knapp 25%, während die Personalkosten um 20% reduziert wurden, ebenso die VZÄ von 53,6 auf 46. Man setzte also einen eindeutigen Schwerpunkt auf den Ausbau des Medienangebots zulasten des Personals.

Zuletzt noch ein Blick nach Schottland auf die University Library of Glasgow. Hier zeigt sich ein ähnliches Bild wie an den Bodleian Libraries: Der Etat stieg von £10,3 Mio. (2010) über £11,2 Mio. (2014) auf £12,4 Mio. (2018), was einen Zuwachs von etwas über 15% bedeutet. Die Universität konnte ihre Einnahmen derweil im Zeitraum von 2010 bis 2017 um knapp 30% steigern (von £439 Mio. auf £604 Mio). Der Personalbestand schwankte im Zeitraum zwischen 150 und 165 VZÄ, ein Abbau fand also nicht statt. Wie schon in Loughsborough wurden die Mehreinnahmen primär in den Medienerwerb (+25%) gesteckt, während die Personalausgaben nur um ca. 15% wuchsen.

Die Universitätsbibliotheken sind also von allen Bibliothekstypen bei Weitem am besten durch die Krise gekommen. Weder hatten sie nenneswerte Budgeteinbrüche zu verkraften, noch wurde übermässig am Personal gespart. Ihr Vorteil bestand darin, dass die Universitäten die Einschnitte bei den staatlichen Mitteln weitgehend durch die Erhöhung von Studiengebühren kompensieren konnten.

6 Fazit: Das gesamte Bibliothekswesen Grossbritanniens unter Spardruck

Die Analyse der unterschiedlichen Bibliothekstypen hat gezeigt, dass öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken unterschiedlich durch die Krise gekommen sind: Während die Public Libraries ganz von den staatlichen Zahlungen abhängig sind und somit sehr verwundbar bei einer Politik, die den öffentlichen Sektor zurückdrängen möchte, profitieren die Nationalbibliotheken trotz aller Probleme von ihrer Größe, sodass Einschnitte im Etat nicht gleich eine existenzielle Bedrohung darstellen wie dies bei den Public Libraries der Fall ist. Dennoch mussten auch sie schwere Einbussen hinnehmen, was sich negativ sowohl auf Bestand und Dienstleistungen als auch auf die Moral der Bibliothekare auswirkt.

Die Universitätsbibliotheken hingegen konnten sich dem negativen Trend weitgehend entziehen. Sie profitieren davon, dass für ihre Trägerorganisationen staatliche Gelder auch vor der Krise nur eine von mehreren Einnahmequellen waren. Durch eine massive Steigerung der Studiengebühren kompensierten die Universitäten den Verlust staatlicher Gelder, sodass die Gesamtetats der Universitätsbibliotheken zumindest nicht schrumpften und auch kein nennenswerter Personalabbau stattfand. Stagnierende Etats sind in Zeiten von hohen jährlichen Preissteigerungen, einem schwächelnden Pfund sowie massiv gestiegener Erwartungen der von den Universitäten zur Kasse gebetenen Studentenschaft jedoch noch keine Erfolgsmeldung. Ihre Lage erscheint vor allem im Vergleich mit den anderen positiv – für sich betrachtet wird auch ihre Position immer schwieriger.


[1] Mit Grossbritannien ist im Folgenden das Gebiet gemeint, das im Englischen mit United Kingdom (UK) bezeichnet wird. Korrekter wäre die Bezeichnung Vereinigtes Königreich, die im Deutschen aber eher ungebräuchlich ist.

[2] „But Conservative Party leaders also sold budget cuts as a virtue, ushering in what they called the Big Society. Diminish the role of a bloated government bureaucracy, they contended, and grass-roots organizations, charities and private companies would step to the fore, reviving communities and delivering public services more efficiently.“ (Mueller 2019)

[3] Die Staatsquote fiel von 44,6% (2010) auf 38,5% (2018). https://de.statista.com/statistik/daten/studie/158265/umfrage/staatsquote-in-grossbritannien/

[4] „In the process, some good outcomes have certainly been achieved, but great misery has also been inflicted unnecessarily, especially on the working poor, on single mothers struggling against mighty odds, on people with disabilities who are already marginalized, and on millions of children who are being locked into a cycle of poverty from which most will have great difficulty escaping.“ (Astrom 2018:2)

[5] Für eine gute Zusammenfassung vgl. CILIP (2015).

[6] Ein besonders drastisches Beispiel bietet die nordenglische Stadt Prescot, in der neben der Bibliothek auch das örtliche Museum geschlossen wurde und ein beliebter öffentlicher Park zum Verkauf steht, vgl. Goodman (2018).

[7] Die Daten finden sich auf https://github.com/BBC-Data-Unit/libraries. Für eine Analyse der Daten vgl. Wainwright u. a. (2016).

[8] Die z.T. mehrmals am Tag stattfindenden Veranstaltungen sind am übersichtlichsten über die Facebookseite der Bibliotheken abrufbar, https://www.facebook.com/pg/NPTLibraries/events/?ref=page_internal.

[9] Siehe Peachey (2014).

[10] Wobei andere auch gerade diese Bewegung weg von der „klassischen“ Bibliothek hin zum Begegnungsort als Ursache der Krise ansehen, vgl. etwa Coates (2019).

[11] Die folgenden statistischen Angaben wurden aus den Jahresberichten der Bibliotheken entnommen. Diese sind auf den Websites verlinkt. Vgl. für die British Library https://www.bl.uk/about-us/governance/annual-reports, für die National Library of Wales https://www.library.wales/about-nlw/governance/corporate-documentation/ und für die National Library of Scotland https://www.nls.uk/about-us/publications/annual-review.

[12] Auch hier dienten die Jahresberichte als Quelle. Vgl. für die Bodleian Libraries https://www.bodleian.ox.ac.uk/about/policies und für die University Library of Loughsborough https://www.lboro.ac.uk/services/library/students/about/regulations-reports-results/annual-reports/. Die University of Glasgow hat ihre Jahresberichte nicht online, ich danke daher Jaqui Dowd für die Bereitstellung der Informationen.

[13] Dies ist allerdings nicht im qualitativen Sinne gemeint, immerhin wurde sie von zwei Zeitungen zur Universität des Jahres 2019 gewählt: https://www.lboro.ac.uk/news-events/news/2018/september/university-of-the-year-2019/.


Literatur

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