Editorial: Sparzeiten in Bibliotheken / Austerity for libraries

Editorial: Sparzeiten in Bibliotheken / Austerity for libraries

David Tréfás

Leiter Fachreferat, Universitätsbibliothek Basel, Email: <firstname.lastname>@unibas.ch

„Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“ hiess ein Zeichentrickfilm der deutschen Filmfabrik UFA aus dem Jahr 1935 und stellt fleissigen Bienen Heuschrecken und andere Insekten entgegen. Neben dem unverkennbar antisemitischen Unterton bringt der Titel eine „deutsche Tugend“ auf den Punkt: Ausgehend von der Spätaufklärung und den durch massive Bevölkerungszunahme entstehenden gesellschaftlichen Veränderungen wurden überall in Deutschland Sparkassen gegründet, um der Massenarmut Herr zu werden. In der Ausstellung „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“ (Deutsches Historisches Museum 2018), die 2018 im Deutschen Historischen Museum gezeigt wurde, und wo auch der oben genannte Kurzfilm zu sehen war, kam zum Tragen, wie stark das Sparen in der deutschen Kultur verankert ist, und welche Unterschiede zu anderen Kulturen und Ländern bestehen. Sparen, in der Lesart der Ausstellung, bezieht sich also auf das Anhäufen von Geld in guten Zeiten, um für schlechte Zeiten vorzusorgen.

Die Austeritätspolitik im Zuge der Finanzkrise von 2008 legt eine andere Lesart nahe: Es geht nicht um das „Bunkern“ finanzieller Mittel, sondern um die Reduktion der Ausgaben während schweren Zeiten. In der systemischen Lesart bezeichnet Austerität eine „staatliche Haushaltspolitik, die ohne Neuverschuldung auskommt, und zumindest mittelfristig einen ausgeglichenen Haushalt erreichen will“. Ein Mittel zur Zielerreichung sind u.a. Ausgabenkürzungen bis hin zum Rückbau wohlfahrtsstaatlicher Leistungen. Uneinigkeit besteht in der Deutung: Handelt es sich um einen Akt „guten Regierens“, um nachhaltiges Wirtschaften, oder um einen neoliberalen Frontalangriff auf den Wohlfahrtsstaat? (Sturm, Griebel und Winkelmann 2017)

Es ist vor allem diese zweite Lesart, die gegenwärtig Bibliotheken vor grosse Herausforderungen stellt. Sei es die Universitätsbibliothek Basel, die die fortschreitende Teuerung der Medien über den Abbau von Planstellen finanzieren muss, weil sich die Trägerkantone der Universität nicht über die Fortführung der Finanzierung der Universität einigen konnten [1] ; sei es die Zentralbibliothek Luzern, die wegen der ausbleibenden Einigung über das Kantonsbudget keine Anschaffungen mehr tätigen konnte und Bauprojekte aufschieben musste [2] ; seien es britische Bibliotheken, die im Zuge des Abbaus staatlicher Leistungen im Nachgang der Finanzkrise 2008 ihre Ausgaben kürzen mussten. Bei all diesen Fällen bedeuteten finanzielle Krisen der Geldgeber, dass die Bibliotheken schnell reagieren und Ausgabeneinsparungen leisten mussten. Allerdings bemühen sich Bibliotheken vor allem bezüglich der Ausgabensteigerung bei elektronischen Medien, Alternativen zu finden, etwa durch die Förderung von Open Access.

Das vorliegende Heft hat zum Ziel, beide Lesarten des Sparens im Hinblick auf Bibliotheken zu untersuchen.

Im ersten Beitrag führt Emilio Sutter durch die Möglichkeiten, Sparanstrengungen in öffentlichen Institutionen durchzuführen. Ausgehend von Ergebnissen aus der Schweizer Bundesverwaltung und zwei Grossbanken empfiehlt er die Optimierungsmöglichkeiten des Lean Managements, des Business Process Reengineering und des Benchmarking zu nutzen. Diese Methoden müssen in wirtschaftlich guten Zeiten vorsorglich angewendet werden, um sich für wirtschaftlich schwächere Zeiten zu wappnen. Die drei Methoden lassen sich aber auch ergänzend einsetzen, falls eine lineare Kürzung angeordnet wurde. Er warnt zugleich von zu vielen Versprechungen des technologischen Fortschritts: Erst die Anpassung von Prozessen und Strukturen helfen, den technologischen Fortschritt nutzbar zu machen.

Während Bibliotheken in Deutschland und der Schweiz nach wie vor mit ausreichenden Geldmitteln ausgestattet waren, mussten sich im Zuge der Finanzkrise 2008 in Grossbritannien immer mehr Bibliotheken dem Sparkurs der Regierung beugen. Ein genauer Blick zeigt, dass öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken auf unterschiedliche Art auf die Krise reagiert haben. Während öffentliche Bibliotheken gänzlich von staatlichen Zuschüssen abhängen und dadurch grössere Einschnitte zu bewältigen hatten, haben Universitätsbibliotheken dank einer grösseren Diversität der Finanzquellen die Finanzkrise besser gemeistert. Lennart Güntzel schliesst aber, dass dies allein keine Erfolgsmeldung sei: „Stagnierende Etats sind in Zeiten von hohen jährlichen Preissteigerungen, einem schwächelnden Pfund sowie massiv gestiegener Erwartungen der von den Universitäten zur Kasse gebetenen Studentenschaft jedoch noch keine Erfolgsmeldung“.

Preissteigerungen im Medienbereich haben in den vergangen Jahren die Diskussion um Open Access befeuert. In seinem Artikel „In Open Access’ Long Shadow – a View from the Humanities“ schlägt Enrico Natale eine Brücke zwischen den Open Access-Diskussionen des ausgehenden 19. und des beginnenden 21. Jahrhunderts und enthüllt die Vielzahl der Aspekte des Diskurses. Während sich, wie in diesem Artikel hervorgehoben wird, vor allem Historiker auf Aspekte wie technologischer Determinismus, Neoliberalismus oder die Verbreitung von Publikationen konzentrieren, sind Universitäten und Bibliotheken vor allen Dingen an den Kosten interessiert: Neben dem normativen Argument, dass Steuerzahler unentgeltlichen Zugang haben sollten zu Publikationen, die sie finanziert haben, wurden Bibliotheken durch die steigenden Kosten von Zeitschriften (Zeitschriftenkrise) aufgeschreckt. Die Kosten sollten sich zumindest nicht erhöhen, und traditionelle Verlage sollten nicht geschädigt werden, so dass die seit Jahrzehnten andauernde Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Universitäten nicht zerstört würde. Dadurch, dass die Kosten nun zunehmend auf die Autoren abgewälzt werden (mittels APC) weicht der Wunsch nach der Eindämmung der Kosten mehr und mehr der Einsicht, dass Open Access die Universitäten teuer zu stehen kommt. Die Zukunft scheint unklarer beziehungsweise offener denn je.


[1] https://www.nzz.ch/feuilleton/die-uni-basel-muss-sparen-ld.1338214

[2] https://www.srf.ch/news/regional/zentralschweiz/ausgabenstopp-fuehrt-bei-zentralbibliothek-zu-mehrausgaben


Literatur

Deutsches Historisches Museum (2018). Sparen: Geschichte einer deutschen Tugend. Hrsg. von R. Muschalla. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, Berlin, 23.03.-26.08.2018. Darmstadt: Theiss Verlag.

Sturm, R., Griebel, T. und Winkelmann, T., Hrsg. (2017). Austerität als gesellschaftliches Projekt: Zwischen Theorie und Praxis. Studien der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik. Wiesbaden: Springer.