Editorial

027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 1,1 (2013): Bibliothek 2.0 am Ende?!, S. 1-4

DOI: 10.12685/027.7-1-1-17

ISSN: 2296-0597

Editorial

Bernhard Herrlich, Andreas Ledl, David Tréfás

Wir, drei wissenschaftliche Bibliothekare der Universitätsbibliothek Basel, haben seit geraumer Zeit darüber gesprochen, dass dem Bibliothekswesen im deutschsprachigen Raum ein Open Access-Journal gut tun würde. Kurz nachdem wir uns entschlossen, ein solches zu gründen verkündete am 14. Juni 2012 die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) in einer Pressemitteilung, die Zeitschrift „Bibliotheksdienst“ werde ab 2013 beim Verlag De Gruyter erscheinen, woran sich eine Open Access-Debatte entzündete. Noch am selben Tag forderte Eberhard R. Hilf, es brauche „mutige Bibliothekare“, die „eine entsprechende OA Zeitschrift aufmachen und dafür werben“ (Hilf 2012). Dass sich solch couragierte Kolleginnen und Kollegen fanden, davon kann man sich auf dem Etherpad [1] und Wiki [2] des Projekts „newLIS“ und auf Twitter (#newlis) eindrucksvoll überzeugen. Umso überraschender kam am 4. Februar dieses Jahres die soweit wir sehen unwidersprochene Mitteilung, das Vorhaben sei gescheitert. In Kommentaren wurden zwischenzeitlich auch schon Gründe für den missglückten Versuch herausgearbeitet, so dass man leider wohl tatsächlich von einem – wenn auch in der Diskussion fruchtbaren – Fehlschlag ausgehen muss (vgl. Kaden 2013). Trotz ständiger Bedenken wegen des zu erwartenden grossen Wurfs aus Deutschland (noch dazu unterstützt von der HTW Chur), der unsere Pläne auf sehr wackligen Beinen stehen liess und im Erfolgsfall zunichte gemacht hätte, haben wir es letztendlich trotzdem gewagt: Wir haben „027.7“, die „Zeitschrift für Bibliothekskultur“, aus der Taufe gehoben.

Nun fällt es nicht ganz leicht, bereits zur ersten Nummer auf den Punkt zu bringen, was 027.7 sein oder werden soll und was nicht. Als Rahmenbedingungen sind aus unseren Überlegungen folgende Punkte hervorgegangen:

1. 027.7 ist bewusst als herkömmliche Zeitschrift mit Themenheften konzipiert, die vorläufig ausschliesslich elektronisch erscheint.

2. 027.7 versucht, ein Open beziehungsweise Post Peer Review-Verfahren zu etablieren.

3. Gegenwärtig besteht 027.7 aus 3 Rubriken: Editorial, Artikel/Articles und Standortwechsel/Relocation. Letztere ist im wahrsten Sinne geografisch zu verstehen und soll helfen, die im Hauptteil verhandelten Thesen aus dem deutschsprachigen bzw. europäischen Raum durch einen nicht eurozentristisch geprägten Blickwinkel zu ergänzen und gegebenenfalls neu einzuordnen.

DDC-Kennerinnen und Kennern ist natürlich längst bewusst, dass es sich beim ersten Teil des Zeitschriftentitels um die Systemstelle für „College and university libraries“ handelt. Das bedeutet, in dieser Zeitschrift erscheinen hauptsächlich Beiträge, die entweder wissenschaftliche Bibliotheken thematisieren, von Mitarbeitenden wissenschaftlicher Bibliotheken verfasst wurden oder bibliotheks- bzw. informationswissenschaftlichen Charakter haben. Mit einer solchen Konturierung glauben wir auf dem „OA-Markt“ neben LIBREAS [3], RESSI [4] und Perspektive Bibliothek [5] eine daseinsberechtigende Nische gefunden zu haben.

Dem Editorial von LIBREAS Nr. 5, geschrieben von Ben Kaden und Manuela Schulz, verdanken wir dann auch den zweiten Teil des Titels, „Zeitschrift für Bibliothekskultur“. Bei der Herleitung des Begriffs erläutern beide, wie „äusserst vielschichtig und reich an möglichen Themen“ (Kaden/Schulz 2006) der Terminus und das Konzept „Bibliothekskultur“ sind. Perfekt für eine Zeitschrift, die inhaltlich möglichst breit aufgestellt sein möchte.

Zudem ist der Begriff „Bibliothekskultur“ nicht so abgegriffen, wie man vielleicht meinen könnte. Er taucht gelegentlich als Blog-Tag auf (vgl. Kaiser 2010), wird mit Bibliotheksgesetzen (vgl. Bonte 2012), Bibliotheken als Orten kultureller Überlieferung (SLUB Dresden 2009) oder einem bestimmten Geist – bis hin zum Betriebsklima einzelner Institutionen – respektive bestimmten Praktiken im Bibliothekswesen in Verbindung gebracht (vgl. exemplarisch Lister 2003; Ralph/Tijerino 2009). Im sich wandelnden Selbstverständnis der wissenschaftlichen Bibliothek hin zur Teaching Library spielt der Begriff ebenfalls eine Rolle (vgl. Moore 2012).

Bisweilen bezeichnet man mit „Library Culture“ aber auch überkommene Werte, die wissenschaftliche Bibliotheken vermeintlich daran hindern, den Ansprüchen ihrer Nutzerinnen und Nutzer im 21. Jahrhundert gerecht zu werden (vgl. McDonald/Thomas 2006), oder jene hermetische Sphäre, in der wissenschaftliche Bibliothekarinnen und Bibliothekare eine Arbeit verrichten, über die selbst im unmittelbaren akademischen Umfeld der Hochschulen nach wie vor relativ wenig bekannt ist (vgl. Dupuis 2010).

Capurro beschäftigte sich bereits 1996 mit der Frage, wie sich Bibliothekskultur und Medienwirklichkeit zueinander verhalten und arbeitete aufschlussreiche Gegensatzpaare heraus: bibliothekarische Kulturtradition versus Macht der neuen Medien; Kultur versus Kulturfeindlichkeit; Bibliothekswirklichkeit versus Medienkultur; Mythos Bibliothek versus Mythos Information; Ordnungs- und Filterfunktion versus Informationsflut; Realität versus Virtualität; bibliothekarischer Raum versus virtuelle Community und Biblio-/Medionetze; Ruhepol versus Medientaumel; Demokratie versus Kommerz; Urteilskraft und Denkvermögen versus Überfülle an Verknüpfungsmöglichkeiten; musischer Charakter versus high-tech-Niveau; gesellschaftliche Verantwortung versus Informationstechnik (vgl. Capurro 1996).

In diesen Spannungsfeldern bewegt sich das erste Heft von 027.7: „Bibliothek 2.0 am Ende?!“. Dieser bewusst provokative Titel wuchs aus der Beobachtung heraus, dass auf der einen Seite eine gewisse Technikbegeisterung überhandnimmt, die in innovativen aber nicht selten wenig nachhaltigen Projekten mündet, und auf der anderen Seite Facebook-Auftritte, Blogs, Tweets, Social Tagging und vieles mehr bei den Nutzerinnen und Nutzern auf wenig Interesse stossen. Web 2.0 scheint in Bibliotheken zwar angekommen zu sein, wie Rudolf Mumenthaler in „arbido“ [6] schreibt, es mehren sich aber offenbar die Anzeichen, „dass die sozialen Medien Opfer ihres eigenen Erfolgs werden und dass die mit Engagement verfolgten Ziele nicht erreicht werden können.“ (Mumenthaler 2012:6) Andere sehen die Welt der sozialen Medien nach wie vor als „Abenteuer“ an: Wer glaube, soziale Medien gehörten in Bibliotheken bereits zum Alltag, täusche sich (vgl. Gillioz/Böspflug 2012:4). Sowohl Innovationswut als auch Furcht vor dem experimentellen Unterfangen zeugen davon, dass Bibliotheken den Herausforderungen des Web 2.0 nur ungenügend gewachsen sind. Die Web 2.0-Geschichte, so unsere Überzeugung, ist noch nicht an ihrem Ende angekommen. Wir denken jedoch, dass die Weiterreise neue, alternative Denkmuster erfordert.

Werner Tannhof, stellvertretender Bibliotheksdirektor, Leiter der Benutzungsabteilung und Fachreferent an der Universitätsbibliothek der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, beleuchtet in seinem überblicksartigen Artikel das Spannungsfeld „bibliothekarische Kulturtradition versus Macht der neuen Medien“. Die Bedeutung der Verfechter der Bibliothek 2.0 sieht er vor allem darin, den notwendigen und teilweise schmerzhaften Mentalitätswandel im deutschen wissenschaftlichen Bibliothekswesen beschleunigt zu haben. Gleichwohl streicht er pointiert heraus, dass die Programmatik der Bibliothek 2.0 für die Zukunftsfähigkeit wissenschaftlicher Bibliotheken praktisch keine Rolle spielt.

Der Artikel von Bernhard Herrlich, wissenschaftlicher Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Basel, lässt sich unter das Begriffspaar „Urteilskraft und Denkvermögen versus Überfülle an Verknüpfungsmöglichkeiten“ subsumieren. So sieht er die Möglichkeiten eigener Web 2.0-Auftritte von Institutionen durch den „linguistic turn“ in der Philosophie sprachtheoretisch relativiert. Von den anfänglich erhofften bahnbrechenden Web 2.0-Neuerungen für wissenschaftliche Bibliotheken bleibt „nur“ ein weiterer, asymmetrischer Kanal für PR-Arbeit von wissenschaftlichen Bibliotheken übrig – es sei denn, die Kundenorientierung tritt in den Vordergrund und generiert individuelle Web 2.0-Begegnungen zwischen wissenschaftlichen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren und den Nutzerinnen und Nutzern.

David Tréfás, Fachreferent an der Universitätsbibliothek Basel, geht in seinem den Antonymen „Demokratie versus Kommerz“ zuzuordenenden, scharfzüngigen Beitrag davon aus, dass die Implementierung althergebrachter Verhaltensmuster im Web 2.0 Nutzerinnen und Nutzer davon abhält, die Angebote von Bibliotheken wahrzunehmen. Die Perspektiven der Bibliothek sind grundbegrifflich anders als das Gebaren der Nutzerinnen und Nutzer. Es reicht nicht, beispielsweise eine Facebook-Seite aufzubauen, weil dann Bibliotheken einfach nur Anbieter von Informationen sind wie andere Unternehmen auch. Erst wenn Bibliotheken sich als Teil der Community verstehen und sich gleichbereichtigt zu den Nutzerinnen und Nutzern gesellen, kann die Bibliothek mit ihnen im gewünschten Masse kommunizieren.

Einen visionären Weg schlagen die Raumsoziologin Eva-Christina Edinger und die Hochschuldidaktikerin Ricarda T. D. Reimer anhand des Antagonismus „Realität versus Virtualität“ vor. Über die Analyse des Katalogs 2.0 stossen sie in die virtuelle Welt von Second Life vor. Der virtuelle Bibliotheksraum ermöglicht die Schaffung von bibliothekarischen Informationsangeboten und bietet zugleich neue Kommunikationswege an. Nutzerinnen und Nutzer der virtuellen Bibliothek können somit mit der Bibliothek in Kontakt treten, ohne an die Regeln einer Präsenzbibliothek gebunden zu sein. In dieser Umgebung kann eine sogenannte „Community of Interest“ aufgebaut werden. Die Bibliothek 2.0, so die These der Autorinnen, ist nicht etwa an ihrem Ende an-, sondern vielmehr noch nicht über ihre Anfänge hinausgekommen.

Dass Web 2.0-Anwendungen in einem anderen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext ganz neue Möglichkeiten bieten, zeigt das Porträt der Kenyatta University Library in Nairobi von George Gitau Njoroge und Patience Kang'ethe. Ihre Post Modern Library verfügt über technische Möglichkeiten, die weit über dem landesüblichen Durchschnitt liegen. Die Facebook-Seite der Bibliothek ist sehr aktuell, und in den Kommentarspalten wird lebhaft diskutiert. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass in Kenia zwar der Zugang zu Computern nach wie vor sehr erschwert, das Mobilfunknetz hingegen gut ausgebaut ist. Daher kann über internetfähige Mobiltelefone ohne grosse Mühe auf extern gehostete Seiten wie Facebook zugegriffen werden.

Unser besonderer Dank gilt den Autorinnen und Autoren, die mit uns zusammen das Wagnis eingegangen sind, diese Zeitschrift auf den Weg zu bringen. Wir konnten keine bereits gefestigte Publikationsinfrastruktur bieten, keine grossen Namen, die schon bei uns publiziert hätten, keine Meriten versprechen. Umso mehr hat uns die sofortige Bereitschaft überrascht, Beiträge für das Journal zu verfassen. Von einer dem Bibliothekswesen bisweilen unterstellten, reservierten Haltung gegenüber Open Access konnten wir nichts bemerken, im Gegenteil: es herrscht geradezu OA-Begeisterung!

Eva Delz danken wir für die Durchsicht der englischen Texte.

Wir bitten um Verständnis, dass 027.7 möglicherweise noch nicht seine endgültige Form erreicht hat, sich weiterentwickeln und hoffentlich wachsen wird. Es ist ein kleiner Anfang – aber es ist ein Anfang.

Deshalb freuen wir uns auf Stimmen, Anregungen und Verbesserungsvorschläge zu 027.7 allgemein und ganz besonders auf Kommentare und Repliken zu den einzelnen Artikeln.

Die Herausgeber


[1] http://okfnpad.org/T15wB0ioWB [Stand: 01.03.2013]

[2] http://newlis.pbworks.com/w/page/54711222/FrontPage [Stand: 01.03.2013]

[3] http://libreas.eu/ [Stand: 01.03.2013]

[4] http://www.ressi.ch/ [Stand: 01.03.2013], überwiegend französisch.

[5] http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/ojs/index.php/bibliothek [Stand: 01.03.2013]

[6] „arbido“ ist das offizielle Publikationsorgan von „Bibliothek Information Schweiz BIS“ und dem „Verein Schweizerischer Archivarinnen und Archivare VSA-AAS“.

Literaturverzeichnis

BONTE, ACHIM (2012): Wie Bibliothekskultur fördern? Expertenanhörung im Sächsischen Landtag zum Entwurf eines Sächsischen Bibliotheksgesetzes. In: BIS – Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen 5,1. S. 18-19. Online verfügbar unter http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-85084 [Stand: 01.03.2013].

CAPURRO, RAFAEL (1996): Medienwirklichkeit versus Bibliothekskultur. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 20,2. S. 245-252. Online verfügbar unter DOI 10.1515/0005.245.

DUPUIS, JOHN (2010): The Inherent Insularity of Library Culture. Online verfügbar unter http://scienceblogs.com/confessions/2010/05/12/the-inherent-insularity-of-lib/ [Stand: 01.03.2013].

GILLIOZ, STÉPHANE / BÖSPFLUG, KATJA (2012): Editorial. In: arbido 7,4. S. 3.

HILF, EBERHARD R. (2012): Re: [InetBib] ... BIBLIOTHEKSDIENST bei De Gruyter. Online verfügbar unter http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg47836.html [Stand: 01.03.2013].

KADEN, BEN (2013): Warum LIS-Zeitschriften. Und warum nicht. Online verfügbar unter http://libreas.wordpress.com/2013/02/05/warum-lis-zeitschriften-und-warum-nicht/ [Stand: 01.03.2013].

KADEN, BEN / SCHULZ, MANUELA (2006): Editorial: Bibliothekskultur – verzweifelt gesucht? In: LIBREAS 5. Online verfügbar unter http://libreas.eu/ausgabe5/000edi.htm [Stand: 01.03.2013].

KAISER, WOLFGANG (2010): Lachen BibliothekarInnen? Persönliche Eindrücke & unbeantwortete Fragen & ein Best Practice Beispiel aus Österreich. Online verfügbar unter http://bibliothekarisch.de/blog/2010/12/31/lachen-bibliothekarinnen- persoenliche-eindruecke-unbeantwortete-fragen-ein-best-practice-beispiel-aus- oesterreich/ [Stand: 01.03.2013].

LISTER, LISA F. (2003): Reference Service in the Context of Library Culture and Collegiality. Tools for Keeping Librarians on the Same (Fast Flipping) Pages. In: Reference Librarian 40,83/84. S. 33-39. Online verfügbar unter DOI 10.1300J120v40n83_04.

McDONALD, ROBERT H. / THOMAS, CHUCK (2006): Disconnects Between Library Culture and Millennial Generation Values. In: Educause Quarterly 41,4. S. 4-6. Online verfügbar unter http://www.educause.edu/ero/article/disconnects-between-library-culture-and- millennial-generation-values [Stand: 01.03.2013].

MOORE, KATE B. (2012): Rezension von: Wilkinson, Carroll W. / Bruch, Courtney (Hg.) (2012): Transforming Information Literacy Programs. Intersecting Frontiers of Self, Library Culture, and Campus Community. Chicago: Association of College and Research Libraries. In: College & Research Libraries 73,5. S. 510-512. Online verfügbar unter http://crl.acrl.org/content/73/5/510.full.pdf+html [Stand: 01.03.2013]

MUMENTHALER, RUDOLF (2012): Soziale Medien: ein Opfer ihres Erfolgs? In: arbido 7,4. S. 6-8.

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SÄCHSISCHE LANDESBIBLIOTHEK – STAATS- UND UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK DRESDEN (2009): Besondere Erwerbungen historischer Dokumente im Jahr 2008. In: BIS – Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen 2,1. S. 30-31. Online verfügbar unter http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-ds-1237551588805-23105 [Stand: 01.03.2013].