Viegener

027.7 Zeitschrift für Bibliothekskultur 1,3 (2013): Vom Willen zu verstehen, S. 95-100.

DOI: 10.12685/027.7-1-3-36

ISSN: 2296-0597

„Individuum est ineffabile“ oder: Verstehen Bibliothekare ihre Zielgruppe wirklich?

Frank Seeliger

Abstract

Bibliothekare kennen „Ihre“ Einrichtung wie ihre Westentasche, aber wie gut wissen sie um die Erfahrungen und Wünsche ihrer Zielgruppe im Umgang mit „Ihrer“ Bibliothek? Der Beitrag wirbt für einen frischen Blick aus ungewohnter Position auf das eigene Tagewerk. Er probt den Perspektiv- und beschwört einen Rollenwechsel. „Hang around and be alert“ oder „going native“ lauten ethnografische „Beschwörungsformeln“, um sich Fremdes professionell aus der Innen- und Aussenperspektive zu erschliessen. Der Beitrag ist ein Plädoyer dafür, sich anders als bisher auf die vertraute Arbeitswelt einzulassen.

Librarians know their “own” library like the backs of their hands, but how well do they understand the experiences and expectations of their target groups in dealing with “their” library? This article takes a fresh look at how to approach the daily tasks from a different and unusual perspective; looking at things from a different point of view and evoking a change of roles. “Hang around and be alert” or “going native” are ethnographical mantras on how to professionally expand your internal and external perspectives of matters that are alien to you. This article is a plea to engage differently with the familiar working world as has been the case in the past.

1. Einleitung

Zwei Grundannahmen gehen dem Text voraus, erstens Bibliothekare sind in ihrer Grundüberzeugung philantropisch und zweitens, die Bibliothek zeichnet sich durch ihre Offenheit gegenüber der Inter- beziehungsweise Transdisziplinarität aus.

Wer heute in einer Informationseinrichtung tätig ist, kann kaum anders, als den möglichen oder schon die Bibliothek nutzenden Menschen mit einer wohlwollenden Grundhaltung zu begegnen. Bibliotheksarbeit ist Service an den Kunden, setzt sie mehr in den Mittelpunkt als weiland ein Peter Kien in Elias Canettis „Blendung“. Das bedeutungsbeladene Wort „Paradigmenwechsel“ mag für die Benennung der Umorientierung zutreffend sein. Weiterhin zeichnet die Tätigkeit in einer Bibliothek aus, nicht nur durch die Vielfalt im Bestand inspiriert, den Kontakt zu anderen Fachkulturen und Disziplinen zu suchen. Die Unterhaltung einer modernen Informationsinfrastruktur ist ohne Anleihen an Informatik, Ingenieurkunst, Logistik, Sprachwissenschaft oder betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse nicht stemmbar. Ebenso verlangt die fachgerechte Betreuung des Bestandsaufbaus thematisch ausgerichtetes Expertenwissen.

2. Kunden- und Nutzeranalysen

Aus dieser für Bibliothekare vermutlich als Selbstverständlichkeit anzusehenden Konstellation heraus, thematisch breit aufgestellt zu sein und in der Attitüde die Klientel um ihre an eine moderne Bibliothek gerichteten Wünsche verstehen zu wollen, ergaben sich bislang zahlreiche und interessante Ansätze. Um die Kunden oder auch Nichtnutzer der Bibliothek besser zu verstehen, bedienen wir uns soziologischer, statistischer beziehungsweise dichotomisch quantitativ und qualitativ aufgestellter Methoden. Gängig sind hierfür das Bilden von Fokusgruppen, Führen von Interviews, das regelmässige Erstellen von Umfragen, Usability-Studien, „Participatory Design“-Ansätze, die Analyse von Nutzungsstatistiken und Lebensstilen nach milieuorientierten Ansätzen und der Aufbau von Plattformen nutzergesteuerter Erwerbung (Stichwort Patron-Driven Acquisition von E- und Printmedien), womit das Ende an Möglichkeiten gewiss nicht erreicht ist. [1]

3. Ethnologische Methoden im Bibliothekskontext

Eine weitere Herangehensweise, die sich international schon seit geraumer Zeit und mittlerweile auch in Deutschland einer gewissen Beliebtheit erfreut, greift ethnologische Methoden auf. Bereits vor zehn Jahren wies ein Befürworter auf die Bedeutung der Disziplin für die serviceorientierten Informationseinrichtungen hin. Rettig bemerkte: „In order to develop services that respond to users’ need, librarians need to develop an anthropological understanding of their user communities.“ (Rettig (2003:17)

Die sogenannte und mittlerweile häufig zitierte „Rochester-Studie“ von Foster und Gibbons (2007) unter dem Titel „Studying Students“ [2] führte hierfür zu einer gewissen Erweckung, oder – wie Michael Seadle es nennt – einem „wake-up call for librarians that imagine they understand their user-base“ (Seadle 2007:612).

Über Google Maps und unter dem Stichwort „AnthroLib“ führt Nancy Foster über sechzig Projekte auf, die einem anthropologischen Ansatz folgen. Ein deutsches Projekt ist nicht gelistet, obwohl gerade unter Seadle als Ordinarius am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Berliner Humboldt-Universität seit 2006 in Vorträgen, Diskussionen und Beiträgen immer wieder auf diese Entwicklung und interdiszplinäre Öffnung hingewiesen wird. [3] Bereits 1998 betont er in der renommierten Zeitschrift „Library Hi Tech“ die „roles of anthropological theory (...) as tools to help librarians to see the underlying elements in their work and workplaces“ (Seadle 1998:7). Gerade im Unterschied zu laborähnlichen Anordnungen sieht er die Chance für den anderen methodischen Ansatz. Seadle schreibt 2011 in „Library Hi Tech“ über die „Research rules for library ethnography“ und stellt heraus: „Observing individual users in a laboratory setting elicits specific data about that person and that resource, but under highly artificial conditions. An experiment with multiple users in their natural environment (more likely at home than in a lab) can give more general information about the quality of the interaction.“ (Seadle 2011:410) Zusammengefasst benötigen wir nach Seadle ein „mindset about how to view the world in which we live“ (Seadle 2007:618), und er sieht die Bezüge deutlich in der Wissenschaftsdisziplin, die sich dem Fremden widmet: „(...) we can benefit from anthropological methods and theory to examine our systems in fresh, new ways. (…) One of anthropologyʼs contributions to the scholarly world has been to help us both to look outside ourselves at parallels with others, and to look inside ourselves at the unconscious foundations of our actions.“ (Seadle 1998:7)

Seadles Plädoyer fällt von Anfang an unmissverständlich aus: „The library world can learn by picking and choosing among these [ethnological] theories as suits our need – as I am about to do.“ (Seadle 1998:8)

4. Ethnologische Ansätze in Deutschland

Im November 2012 fand dazu unter dem Titel „Wie interagiert der Kunde in der Bibliothek – eine ethnologische Annäherung“ ein erster Workshop in der brandenburgischen Hochschulbibliothek von Wildau statt. Zu Anfang dieses Jahres widmeten sich auf dem 102. Deutschen Bibliothekartag in Leipzig zwei Vorträge dem ethnologischen Ansatz [4] und in diesem November wurde an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) unter dem Titel „’Service nach Maßʻ – ethnografische Methoden in der Nutzerforschung“ ein entsprechender Workshop angeboten. Dieser Workshop reflektierte die Ergebnisse des unter Leitung von Christine Gläser und Ursula Schulz durchgeführten Forschungsprojektes „User studies – Informationsverhalten wissenschaftlich Arbeitender – Konsequenzen für Informationsdienstleistungen“. Intention des Projektes war es darüber hinaus, ethnografische Forschung als Methodeninventar zum besseren Verständnis der Kunden in die bibliothekarische Zunft zu tragen. [5] Weiterhin ist eine Aufarbeitung des Themas für die Zeitschrift „Bibliothek Forschung & Praxis“ mit verschiedenen Beiträgen in Arbeit.

Die frische Brise erreicht somit auch diesen uns vertrauten Kulturraum.

5. Was ist Ethnologie?

Aber welche Erkenntnis erbringen diese ethnologischen Methoden neben den anderen etablierten Ansätzen, wo liegt ihr Potential für den Bibliothekskontext und worin liegt der andere Ansatz?

An der medialen Oberfläche noch stiefmütterlicher behandelt als Bibliotheken und in der Wahrnehmung deutlich unterschätzt wird Ethnologie seit über einhundert Jahren als universitäres Fach in das Lehr- und Forschungsfeld deutscher Hochschulen eingebunden. Die Ethnologie, auch Kulturanthropologie oder Völkerkunde genannt, begreift sich als die Wissenschaft vom Fremden, vom Anderen als man selbst. Das heisst, Ethnologen lassen sich auf andere, uns fremde Kulturen und Lebenswelten ein, erkunden ihre Lebensweise, Rituale, Traditionen, Handlungsnormen et cetera. Die oberste ethnologische Faustregel lautet: besser mit den Leuten reden, als über sie (vgl. Bierschenk 2013:80).

Ethnologen versuchen sie in ihrem natürlichen Kontext, im Idealfall unter Ausschluss des eigenen Daseins als Fremder, und ihrer Binnenperspektive zu verstehen und zu erschliessen. Das Einlassen meint die Teilnahme am Alltagsleben, das Erlernen ihrer Sprache, das Annehmen ihrer Verhaltensweisen, die kleidungsgemässe Mimikry, kurz die Aneignung des fremden Habitus (Bourdieu), die einer zweiten Sozialisation gleich kommt (vgl. Bierschenk/Krings/Lentz 2013:22-24). Ihre Fernkompetenz gilt als „besonderes Markenzeichen der Ethnologie“ (Bierschenk/Krings/Lentz 2013:22), die sich als weitere Expertise gegenüber anderen Wissenschaften dadurch unterscheidet, systematisch den Perspektivwechsel zur grundlegenden Methode zu erheben. Nach Bierschenk/Krings/Lentz (2013:23) kultivierte das Fach Ethnologie den Perspektiv- und Rollenwechsel. Die Innenansicht wird im Fach als die emische Perspektive (emic) bezeichnet, die Aussenperspektive mit dem Attribut etisch (etic) versehen. Bereits für die Bezeichnung von Ethnien gibt es klassische Beispiel der Eigen- und der Fremdbezeichnung, denkt man an die Begriffspaare Mexica/Azteken, Inuit/Eskimo, welche die Differenz des Betrachtungswinkels plastisch vor Augen halten. Beide Sichtweisen haben ihre Relevanz für das Fach Ethnologie.

Im Ergebnis folgt der langen Periode der Feldforschung – etwas salopp formuliert – der dokumentarische und erzählerische Niederschlag dieser Untersuchung, welche dem Eigenen und damit der Kultur, aus der der Ethnologe/die Ethnologin stammt, versucht, die andere Sichtweise, das andere Werteschema verständlich zu machen. Ethnologen schwärmen heute wie Touristen aus, unterscheiden sich aber im Ansatz (going native), der Fragestellung und der Intention grundsätzlich. Dieser Unterschied besteht auch, wenn sie – ähnlich den Urlaubsgästen und Individualreisenden – trotz jahrelanger Kontakte zu einer fremden Kultur und ihrer Integrationsleistung in der Fremde den Status als Fremde in der Fremdzuschreibung nie ablegen können, und stattdessen immer auch unassimiliert graduell fremd bleiben werden. Dieser Punkt ist insofern wichtig, da erst die kulturelle Distanz, das nicht völlige Aufgehen in einer Kultur, die Möglichkeit erbringt, sie mit Abstand und von aussen als Vermittler mindestens zweier Kulturen zu betrachten.

Mit Rückwirkung auf das Eigene – ohne dies weiter ausführen zu wollen – möge man an Claude Lévi-Strauss’ Verständnis von ethnologischer Revolution denken, das er darin sah, alle Identifikationen und sozialen Funktionen, in die die eigene Kultur den Einzelnen hineinzwingen will, zurückzuweisen. Eine Extremforderung, die aber im grundsätzlichen Verständnis auch helfen kann die Frage zu beantworten, ob Bibliothekare, welche in der einen ihnen vertrauten Gesellschaft beruflich und privat unterwegs sind, in die sie hineingewachsen sind, ihr Wirken mit der nötigen Distanz betrachten können.

6. Zwei Grundsatzfragen

Die erste Gretchenfrage stellen auch die Ethnologen: „Wie lässt sich der Perspektivenwechsel erlernen?“ (Bierschenk/Krings/Lentz 2013:24) Den Königsweg sehen sie unisono in der existentiellen Fremderfahrung, dass man am eigenen Leib gespürt hat, was es heisst, sich auf eine andere Sprache und Kultur einzulassen, ein anderes System zu verstehen und sich darin zurecht zu finden. Vor diesem Hintergrund hält auch Howell fest: „Anthropology at home is best done after anthropology far away from home.“ (2011:152, zitiert nach Krings 2013:277)

Ethnologen schliessen aber eine künstliche Distanzierung, das Erlernen des verfremdeten Blickes auf die eigenen Institutionen in der Gesellschaft (Exotisierung des Eigenen), ohne diese existentielle Fremderfahrung nicht aus und halten eine kurze Aneignung des fremden Habitus nach Bourdieu im Sinne einer zweiten Sozialisation für möglich (vgl. Bierschenk/Krings/ Lentz 2013:24). Ob zeitlich geraffte Methodenvermittlung unterschiedlicher Intensität via Vorträge, Lektüre oder Workshops dazu befähigen kann, den ethnologischen Blick zu schulen, ist eine Frage, deren Evaluation noch aussteht. Grundsätzlich lässt sich aber festhalten, dass der ethnologische Ansatz als solcher nicht auf die wenigen ausgebildeten Ethnologen unter den Bibliothekaren beschränkt bleiben muss, sondern sich ebenfalls für die stets in der eigenen Kultur verortet gebliebenen Kollegen als Zugang zu den Kundenwünschen anbietet.

Nachdem für den kulturellen Perspektivwechsel die Erlernbarkeit auch ohne existentielle Fremdheitserfahrung postuliert ist, betrifft die zweite Gretchenfrage die Anwendbarkeit von Methoden für die Fremde auf das Eigene. Können wir, abseits der fehlenden Fremderfahrung, mit einem frischen Blick das Eigene und Vertraute neu sehen? Man muss sich dies vielleicht in der Weise vorstellen, als würde man mit dem Fotoapparat im Althergebrachten das Exotische festhalten wollen und damit eine gleiche Anzahl von Fotos schiessen, wie im Urlaub. Für eingeschliffene Routinen, sich wiederholende Geschäftsgänge, eine vertraute Umgebung ist dies kein einfaches Unterfangen.

Dass man Kollegen dafür sensibilisieren kann, etwa über konkrete Fragestellungen den Berufsalltag neu zu betrachten, zeigte der ethnologische Workshop in Wildau vor einem Jahr. Im ersten Schritt reflektierte man die zunftbezogene Selbstzuschreibung und skizzierte die eigene Fachkultur von innen betrachtet. Dabei fielen Attribute wie vernetzt, technikoffen, textorientiert, Ordnungswille, Bestandsorientierung, hohe Ethik zur Informationsfreiheit, gering ausgeprägter Businessgedanke, volksbildnerischer Ansatz, Traditionalisten, zurückhaltendes Auftreten, Regelbewusstsein, Dienstleistungsorientierung, Kultur der Bescheidenheit und Wir sind die Guten. Gepaart mit erstem methodischem Rüstzeug wurde die Wildauer Hochschulbibliothek ins ethnologische Visier genommen, was zu interessanten, aber nicht an dieser Stelle zu diskutierenden Resultaten führte. Kurzum kann ebenfalls für die zweite Gretchenfrage eine Machbarkeit postuliert werden. Gestärkt wird diese Annahme zudem durch die Tatsache, dass sich ebenfalls andere Disziplinen, wie die in der eigenen Kultur beheimatete qualitative Sozialforschung, der ethnologischen Methoden bedient. Dies lässt sich zum Teil damit erklären, dass der postmoderne Kulturbegriff, was nun das Eigene in Abgrenzung zum Anderen eigentlich ausmacht, nach Streck (2013:47) als ein Mosaik von Sinnprovinzen und Sinnangeboten zu verstehen ist und nicht als normativ Ganzes und konzeptionell Geschlossenes. Kultur und damit die Identitäten sind laut Streck (2013:43,47) temporär und situational, Relevanzbereiche werden von einzelnen Sinndomänen jeweils neu justiert.

Sollte es gelungen sein, in den wenigen Sätzen für eine grossartige und vielgestaltige Wissenschaftsdisziplin eine Lanze zu brechen, liegt die ungeduldigste Frage darin, was nun die ethnologische Methode auszeichnet, oder welche genau – allein pragmatisch betrachtet – für den Bibliothekskontext sinnstiftend sein könnte.

7. Feldforschung

Die Methode, mit der sich die Ethnologie seit nahezu einhundert Jahren am meisten und schulenübergreifend identifiziert, nennt sich „teilnehmende Beobachtung“ (Participant Observation). Das Oxymoron beschreibt den Spagat zwischen involviert sein und trotzdem die Übersicht bewahren oder den Widerspruch eines Spielers, der gleichzeitig das Spiel kommentieren muss. Von Bronislaw Malinowski über seine Forschung auf den Trobriand-Inseln in die Diskussion gebracht, bildet die teilnehmende Beobachtung das Markenzeichen ethnologischer Forschung schlechthin. Sie besagt, dass man mit den – damals so bezeichneten – Eingeborenen, der autochthonen oder indigenen Bevölkerung, als ein natürlicher Bestandteil zusammenlebt. Man gibt sich mit seinem Forschungsansinnen zu erkennen und lädt damit auch zu weiteren Interaktionen ein. Eine versteckte Recherche à la „Mystery Shopping“ oder der Wallraff-Methode ist die ethnologische Vorgehensweise nicht. Nach Malinowski schafft man es mit der Methode der „Participant Observation“ „to grasp the native’s point of view, his relation to life, to realize his vision of his world“ (Malinowski 1960:25). Worauf solche Beobachtungen fokussiert sein können, erklärt Barbara Schellhammer an der Methode der dichten Beschreibung sehr anschaulich [6], da man unmöglich alles mit den Sinnen verfolgen kann.

Zum Abschluss dieser kleinen Hinleitung, dem kollegialen Hinweis auf ein interessantes und noch zu erschliessendes Forschungsfeld, soll ein kleines Beispiel sowohl die Überleitung zur Wahrnehmung symbolisch unterlegter Rituale, wie sie in der dichten Beschreibung eine tragende Rolle spielen, gelingen, als auch der Wink zur Adaptierbarkeit der Methode auf das Eigene. Denn selbstverständlich bietet sich Feldforschung ebenfalls für die Organisationseinheit Bibliothek selbst an.

In der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 8.11.2012 (Nr. 46) wurde ein kleiner Beitrag mit dem Titel „Alter Schwede, neue Milde“ von Rüdiger Jungbluth eingeleitet. Dort seziert der Journalist folgende Situation: „[Johan] Stenebo [publizierte 2010 das Buch: Die Wahrheit über Ikea] hat aus der Nähe beobachten können, wie Ingvar Kamprad Ikea regiert. Etwa durch die Abstufungen, die er beim Begrüssen von Mitarbeitern macht: ʼHändeschütteln ist ganz neutral, eigentlich nichts. Wirst du umarmt, bist du ganz in Ordnung. Wirst du umarmt und bekommst einen Kuss auf die Wange, dann gehörst du zu den Vertrauten. Und wenn du beim nächsten Mal keinen Kuss bekommst, wunderst du dich natürlich, warum. Aber Ingvar weiß genau, warum.ʻ“

Ein schlichtes Beispiel aus der Wochenpresse möge dafür sensibilisieren, dass geschulte Beobachtung bei gleichzeitigem Involviertsein helfen kann, ritualisierte Feinheiten in ihrem Netz an symbolischen Bedeutungen wahrzunehmen und zu verstehen.

Barthel/Bierschenk (2013:2-4) bringen in diesem Zusammenhang zwei Bezeichnungen ins Spiel. Einmal das „Anthropological Engineering“, wonach Organisationen und soziale Einheiten durch Anwendung ethnologischer Methoden und Perspektivwechsel besser funktionieren. Und zum anderen die Bezeichnung „Kulturingenieure“, die dafür sorgen, dass Produkte eine kulturangepasste Form finden beziehungsweise Kulturen mit dem Instrumentarium der Ethnologie analysieren. Wie man die Arbeitsfelder auch aufteilt, glaube ich gezeigt zu haben, dass ethnologische Forschungsmethoden es wert sind, auf die Bibliothekswelt angewendet zu werden. Daher möchte ich mit den Worten James Rettigs, des Kollegen aus Richmond, Virginia, schliessen, denen ich vorbehaltlos zustimme: „We need to become expert anthropologists of our user communities“ (Rettig 2003:20).

[1] Einen guten Überblick geben die umfänglichen Vortragsfolien von Annette Kustos unter dem Titel „Das charmante Feld der Kundenanalyse“, gehalten auf dem Deutschen Bibliothekartag 2010 in Leipzig, siehe http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte/2010/922/ [Stand: 02.12.2013].

[2] Der Volltext ist verfügbar unter http://www.ala.org/acrl/sites/ala.org.acrl/files/content/publications/booksanddigitalresources/digital/Foster-Gibbons_cmpd.pdf [Stand: 02.12.2013].

[3] „I have used and have advocated anthropological research for libraries since I became editor of Library Hi Tech over a decade ago.” (Seadle 2007:612)

[4] Siehe zum Beitrag von Haas http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte//2013/1436/ [Stand: 02.12.2013] und zum Beitrag von Schoof und Seeliger http://www.opus-bayern.de/bib-info/volltexte//2013/1502/ [Stand: 02.12.2013].

[5] Siehe den Projektbericht unter http://www.bui.haw-hamburg.de/pers/ursula.schulz/publikationen/ethnographie_infokult.pdf [Stand: 02.12.2013].

[6] Siehe http://dx.doi.org/10.12685/027.7-1-3-35.

Literaturverzeichnis

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BIERSCHENK, THOMAS / KRINGS, MATTHIAS / LENTZ, CAROLA (2013): Was ist ethno an der deutschsprachigen Ethnologie der Gegenwart? In: Bierschenk, Thomas / Krings, Matthias / Lentz, Carola (Hg.) (2013): Ethnologie im 21. Jahrhundert. Berlin: Reimer. S. 7-34.

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Dr. Frank Seeliger ist Leiter der Hochschulbibliothek der Technischen Hochschule Wildau [FH], Hochschulring 1, Haus 10, D-15745 Wildau, Tel. +49 (0)3375 508 155, E-Mail: frank.seeliger@th-wildau.de.